So faszinierend die Wüste erscheint, mit ihrer flirrenden Hitze, ihrer scheinbar unendlichen Weite, so gefährlich ist sie. Umso erstaunlicher, dass es immer wieder Menschen gibt, denen es gelingt, den tödlichen Gefahren zu entkommen. Eine wahre Geschichte liegt der Titelstory des schmalen Buches zugrunde: Im Februar 1941 überleben vier alliierte Soldaten, Mitglieder der legendären britischen Wüsteneinheit Lone Range Desert Group, den Angriff einer italienischen Einheit, die für Mussolinis imperialistische Träume in Nordafrika kämpfte.Verletzt, mit 20 Litern Wasser und nichts Essbarem, versuchen Moore, Winchester, Easton und Thighe zu Fuß hinter die eigenen Linien zurückzukehren. Ein Höllentrip, der die ausgemergelten Männer schnell vor Erschöpfung halluzinieren lässt. Nach zehn Tagen und knapp 400 Kilometern Fußmarsch werden sie tatsächlich von einem Suchtrupp gefunden.Moore weiß in diesem Moment, "wo die Seele war: zwischen den Gelenken, in jener Kapsel, wo sich der Knochen in seinem Scharnier rieb, und dass sie das Innere des Laufs war". Im Trancezustand der Männer, die sich durch die staubige Ödnis plagen, spiegelt sich die Wüste mit ihren vielfältigen Erscheinungsformen, verschwimmen Realität und Fantasie, wird die Fata Morgana körperlich spürbar. Dass die sprachliche Durchdringung der beiden Erscheinungsformen - hier der fiebrig-fantasierende Mensch, dort die brennend heiße Wüste - so mühelos gelingt, zeugt von der poetischen Kraft Raoul Schrotts. Im zweiten Text des Buches, dem Essay "Die Namen der Wüste", stellt Schrott dann die notwendigen Kontexte her, erklärt die vielen Handelswege, Karavanenrouten und Erkundungspfade, von denen die Wüste noch heute durchzogen ist. Mit leichter Hand überspringt er die Zeiten und Völker, verfolgt fast verwehte Spuren, holt sich Rat bei Herodot und erklärt mithilfe der Etymologie die vielen, für uns oft so geheimnisvoll klingenden Namen. Auch das Rätsel des Namens Zarzura, wo Graf Almásy einst seine Quellhöhle voller Malereien - die berühmten "Schwimmer in der Wüste" - entdeckte: "Der kohlschwarze Vogel mit weißem Scheitel und weißen Schwanzfedern, den Almásy in einem der Wadis des Gilf schießt, ist ein Steinschmätzer (Oenanthe Leucopyga ), den die Araber Zarzur nennen. Er baut sich ein Nest aus Stein, und wenn man sich ihm nähert, fliegt er auf und lässt sich ein paar Schritte entfernt wieder nieder; so, heißt es, führt er einen in die Wüste und in die Irre." Lyrisch und knapp, poetisch und doch präzise - diese Gegensätze in ihren Texten zu vereinen, schaffen nur wenige Autoren. Raoul Schrott ist einer von ihnen. Übrigens: "Khamsin" bezeichnet einen Südwind, "der fünfzig Tage" anhält . . . (Günther Fischer/DER STANDARD, Album, Printausgabe, Sa./So., 13.07.2002)