Jedes Mal, wenn es heißt, die Rezession der US-Wirtschaft gehe ihrem Ende entgegen, heißt es gleich darauf, das Gegenteil sei der Fall. Diese Widersprüchlichkeit spiegelt sich auch in der Politik der amerikanischen Notenbank wider: Die Zinssätze werden weder gesenkt noch gehoben, man bleibt "neutral". Das ständige Auf und Ab der Börse ist ein weiteres Indiz für zunehmende Unsicherheit. Die Debatte über die US-Wirtschaft ist oft wenig hilfreich, weil sie sich in der Regel auf die Frage konzentriert, wann die Rezession begonnen hat und wann sie endet. Rezessionen erkennt man normalerweise an einer Abnahme des BIP. Was uns aber wirklich interessieren müsste, ist doch die Differenz zwischen dem Potenzial einer Wirtschaft und ihrer tatsächlichen Leistung, und unter diesem Blickwinkel wird die Performance der US-Wirtschaft wohl noch einige Zeit hinter ihren Möglichkeiten zurück bleiben. Zuwachsraten der messbaren Produktivität weisen zur Zeit auf eine potenzielle Wachstumsrate der Wirtschaft von 3,5 - 4% p.a. hin. Selbst bei einem realen Wachstum von 0,5%, bedeutet eine Differenz von 3% in einer 10.000 Milliarden Dollar-Wirtschaft einen Verlust von 300 Milliarden $ - ein enormer Betrag, gleich welche Kriterien man anlegt -, und damit zugleich: steigende Arbeitslosigkeit. Aufgrund der enormen Differenz müssen die USA weit über ihr langfristiges Potenzial hinaus wachsen, um wieder zu einer vollen Nutzung ihrer Ressourcen zurückzukehren. Und obwohl die Wachstumsraten des ersten Quartals des Jahres erstaunlich hoch waren, gehen die meisten Experten davon aus, dass das Wachstum 2002 insgesamt erheblich hinter das langfristige Potenzial zurückfallen wird. Kapazitätsüberhang Was da mit der amerikanischen Wirtschaft passiert ist, lässt sich einfach erklären: Die Rezession von 2001 war durch einen gleichzeitigen Rückgang von Lagerbeständen und Investments gekennzeichnet. Ersteres ist mittlerweile überstanden, letzteres aber - ein Resultat der Überinvestition in High Tech und Telekommunikation - kann noch viel länger dauern. Ein beträchtlicher Kapazitäts-Überhang bleibt bestehen - man denke an die brach liegenden Glasfaserkabel -, und die bloße Senkung der Zinssätze wird die Unternehmen auch weiterhin nicht dazu bringen, in diese Branchen zu investieren. Die gute Nachricht - und gleichzeitig die schlechte - ist, dass sich diese Branchen mit einem solchen Tempo weiterentwickeln, dass ein Großteil der Investitionsgüter schon veraltet ist, bevor man sie überhaupt nutzen kann, was wiederum dazu führt, dass man noch schneller als sonst Neuinvestitionen tätigt. Gleichzeitig können die USA wegen des weltweiten Abschwungs auch nicht auf den Export oder steigende Verbraucherausgaben setzen. Üblicher Weise führt zwar eine Belebung des Konsums zu einer Stärkung der Wirtschaft, doch sind die Verbraucherausgaben, fast wie durch ein Wunder, trotz Investitionsrückgang stabil geblieben, so dass für eine Aufschwung kaum Spielraum bleibt. Fataler Trend Wirklich riskant wird es dann, wenn es mit den Verbraucherausgaben abwärts geht. Und das scheint angesichts der dahin dümpelnden amerikanischen Sparzinsen durchaus wahrscheinlich zu sein. Viele Anschaffungen von 2001 wären eigentlich erst dieses Jahr vorgenommen worden, hätte man nicht - etwa im Autohandel - das Kundeninteresse durch so viele Sonderangebote angeheizt. Selbst Amerikaner können schließlich nicht unbegrenzt neue Autos kaufen. Im Gegenteil, die amerikanischen Haushalte leiden zur Zeit unter hohen Verschuldung. Das Gefühl wirtschaftlicher Unsicherheit wird durch zunehmende Arbeitslosigkeit noch verstärkt und kann zu einer weiteren Schwächung der Verbraucherausgaben führen. Nur auf militärischem Gebiet - zur Zeit die einzige Quelle wirtschaftlicher Expansion - werden Rekordausgaben verzeichnet, bloß: so notwendig diese Ausgaben sein mögen und so sehr sie kurzfristig die Wirtschaft ankurbeln - auf lange Sicht wird deren Wettbewerbsfähigkeit dadurch nicht erhöht. Falsches Rezept Und Europa? Nachdem man in der Europäischen Union zunächst geglaubt hatte, die europäische Wirtschaft sei stark genug, um den Abschwung in den USA nicht nur nicht zu spüren, sondern sogar stabile Wachstumsraten beibehalten zu können, wartet man nun auf den amerikanischen Aufschwung - als Zugmaschine für die Befreiung aus der eigenen Malaise. Ich halte das für eine gefährliche Strategie; wenn eine kräftige Erholung der US-Wirtschaft nicht unmittelbar in Sicht ist, muss Europa allein handeln und die antizyklischen Standardinstrumente der Geld- und Steuerpolitik einsetzen, um der Entwicklung entgegen zu wirken. Gefahr droht heutzutage weniger von der Inflation, als von der Arbeitslosigkeit. Denn Arbeitslosigkeit und wirtschaftliche Unsicherheit schaffen den Nährboden, auf dem Fremdenhass und die Unterstützung der extremen Rechten auf dem ganzen Kontinent gedeihen. Leider sind Europa teilweise die Hände gebunden - da die Zentralbank sich auf die Vermeidung von inflationären Entwicklungen konzentriert und der Stabilitätspakt die Möglichkeiten, deficit spending als wirtschaftlichen Stimulus einzusetzen, weitgehend beschränkt. Will Europa anhaltendes, langfristiges Wachstum und soziale Gerechtigkeit, müssen die neuen europäischen Institutionen diese Strategie überdenken, um flexibel genug auf die neuen Herausforderungen reagieren zu können. (DER STANDARD, Printausgabe, 13.7.2002)