Wien - Zehn Monate nach 9/11 dürfte das Medienpublikum schon leicht überdrüssig reagieren, wenn die Rede auf das Thema Terror kommt. Das ist eine verständliche, aber falsche Reaktion: Bei einem dreitägigen Workshop, den das Österreichische Institut für Europäische Sicherheitspolitik (ÖIES) unter Leitung von Botschafter Erich Hochleitner in der vergangenen Woche im Stift Göttweig veranstaltet hat, wurde einmal mehr dramatisch vor Augen geführt, welche Verheerungen Terroristen, die jenseits aller moralischen Grenzen agieren, anrichten könnten - und wie groß das Interesse jeder Gesellschaft sein muss, sich vor ihnen zu schützen.

"Wir bewegen uns auf dünnem Eis", meinte etwa der in Salzburg und an der Universität Stanford lehrende Physiker Friedrich Steinhäusler in einem Vortrag über Nuklearterrorismus: Die Möglichkeit, dass Terrorgruppen einen lege artis verfertigten Atomsprengkopf in ihre Gewalt und zur Detonation bringen könnten, hält Steinhäusler für weniger wahrscheinlich (wenn auch nicht für ausgeschlossen) als das Gefahrenszenario, das auf einer "schmutzigen Bombe" beruht. Doch auch ein solches wäre erschreckend genug, weil es sich psychologisch verheerend auswirken würde und enorme Kosten für die Dekontaminierung des verstrahlten Gebiets anfielen.

Radioaktive Waisen

An "Stoff", mit dem man eine schmutzige Bombe bestücken könnte, herrscht offenbar kein Mangel, wenn auch eine realistische Einschätzung dieser Gefahr äußerst schwierig ist. Zwei Millionen Gerätschaften unterschiedlichster Art mit radioaktiven Quellen, so Steinhäusler, sind in den USA an 190.000 Lizenznehmer vergeben worden, 200 davon werden jährlich als verschwunden, gestohlen oder sonst wie abhanden gekommen gemeldet. Allein die Aufsichtsbehörden in den USA haben die Kontrolle über 30.000 radioaktive Quellen verloren, die sich jetzt als so genannte "Waisen" irgendwo in der Welt herumtreiben.

Noch trüber wird das Bild, wenn man die Domäne des internationalen Nuklearschmuggels einbezieht. Die kasachische Atomforscherin Lyudmilla Zsaitseva, die seit Jahren an der Erstellung einer Datenbank für die Uni Stanford arbeitet, hat bereits 830 Einträge gesammelt - mit dem begründeten Verdacht, dass es sich um die Spitze eines Eisbergs handelt. Nach ihren Berechnungen wurden zwischen 1992 und 2002 weltweit 39 Kilogramm waffenfähiges Nuklearmaterial beschlagnahmt.

Nicht minder erschreckend ist das Instrumentarium, das die Gentechnik dem fantasievollen Entwickler von Biowaffen an die Hand gibt. Der Salzburger Gentechniker Arnulf Josef Hartl wies etwa auf die Möglichkeit hin, Pockenviren zu manipulieren, um jeden Impfschutz zu unterlaufen. Hartl regte die Entwicklung mobiler Impfstationen an, mit denen, im Fall einer Attacke mit gentechnisch scharf gemachten Krankheitserregern, Impfstoff binnen kurzem flexibel hergestellt und verabreicht werden kann ("genetische Vakzinierung").

Auch auf anderen Gebieten ertönten Forderungen nach neuen Schutzmaßnahmen: Steinhäusler forderte eine Verfeinerung und Ausweitung der Registrierung von radioaktivem Material, aber auch ein vermehrtes Engagement der EU auf dem Gebiet der Ex-UdSSR, um die atomaren Bestände zu sichern: Die Europäer gerierten sich hier als Trittbrettfahrer der Amerikaner. Für Oberst Walter Unger vom Verteidigungsministerium wiederum ist eine doppelte Auslegung der kritischen Infrastruktur in Österreich ein wichtiger Bestandteil einer Antiterrorstrategie: Terroristen müssten wissen, dass sie das Land auch dann nicht lahm legen können, wenn sie eben Teile dieser kritischen Infrastruktur zerstören. Umsonst wird dies alles nicht zu haben sein, aber, so Steinhäusler, "nichts tun ist sicher am teuersten". (Christoph Winder/DER STANDARD, Printausgabe, 15.7.2002)