Wien - Die Wettbewerbsfähigkeit der Bahn müsse gesteigert werden, was unter den gegenwärtigen Bedingungen jedoch nur beschränkt möglich sei. Zu stark hemmten "Altlasten" die Bewegungsfreiheit des Unternehmens, sagte ÖBB-Generaldirektor Rüdiger vorm Walde dem STANDARD . Mit leistungsorientierter Entlohnung ließe sich nur ein kleiner Teil der Bahnbediensteten motivieren. "Von den rund 47.000 Eisenbahnern haben etwa 43.000 ein beamtenähnliches Beschäftigungsverhältnis. Darüber hinaus gibt es noch ungefähr 70.000 ÖBB-Pensionisten. Diese würden wir gerne dem Bund übertragen." Eine Übernahme der Verantwortung für die ÖBB-Pensionisten durch den Bund wäre nach Ansicht vorm Waldes auch "verursachergerecht". Schließlich stammten die Verträge der quasi pragmatisierten Eisenbahner noch aus der Zeit vor 1994, als die ÖBB noch nicht aus dem Budget ausgegliedert waren. Ein Modell für die Überleitung will man im Herbst präsentieren. Immobilienverwertung "Der Vorstand ist dazu da, das Unternehmen vor Schaden zu bewahren", sagte vorm Walde unter Anspielung auf Überlegungen, im Zuge der geplanten Neustrukturierung der ÖBB die Bahnimmobilien der einnahmenschwachen Schienenfinanzierungsgesellschaft Schig zuzuschlagen. Im Gegensatz zur Deutschen Bahn seien die ÖBB bei der Ausgliederung nicht entschuldet wor- den. Ersatzweise habe man damals der Bahn die Immobilien zur Verwertung überlassen mit der Auflage, den 1,8 Mrd. EURO schweren Schuldenberg abzutragen. Dies sei auch in nennenswertem Umfang geschehen, sagte vorm Walde. Den Verkehrswert der Immobilien bezifferte der Bahnchef mit vier bis sechs Mrd. Euro; der nicht betriebsnotwendige Teil mache etwa 1,2 Mrd. Euro (Verkehrswert) aus. Derzeit sei man dabei, ähnliche Immobilien zu bündeln mit dem Ziel, diese mit finanzkräftigen Partnern zu entwickeln. Dazu sei allerdings noch die Zustimmung des Aufsichtsrats erforderlich. Kraftwerksausbau Verkehrsminister Mathias Reichhold und Finanzminister Karl-Heinz Grasser (beide FPÖ) haben sich, wie berichtet, zwar auf ein Holdingmodell für die "ÖBB neu" ver- ständigt, wobei die Immobilien bei der Bahn bleiben würden und die Bahn auch die Schig samt Schulden erben sollte. Noch sträubt sich aber die ÖVP dagegen. Mit einer "Qualitätsoffensive" will vorm Walde mehr Leute zum Bahnfahren animieren; der in den vergangenen Jahren auf rund acht Prozent gesunkene Marktanteil der ÖBB beim Personentransport soll mittelfristig wieder auf zwölf Prozent steigen. Nicht verzichten möchte vorm Walde auf den bahneigenen Kraftwerkspark. Der Wettbewerb auf dem Strommarkt sei "schaumgebremst", eine Reihe von Abgaben verteuerte den Strom zusätzlich. "Wir wollen die Kraftwerke nicht nur behalten, sondern gegebenenfalls noch ausbauen", sagte vorm Walde. Möglichkeiten dazu gebe es an drei Standorten im Westen Österreichs: "Wir prüfen das." Der Strombedarf der ÖBB beträgt rund 2200 Gigawattstunden (GWh) im Jahr. 700 GWh werden in den acht ÖBB-eigenen Kraftwerken erzeugt, etwa 500 GWh in drei Kraftwerken der Verbundgesellschaft an Enns und Drau, wo die ÖBB eigene Turbinen zur Produktion des Niedrigfrequenzstroms (13 2/3 Hertz) installiert haben, mit dem die Bahn in Österreich unterwegs ist. 1000 GWh werden zugekauft. (Günther Strobl, DER STANDARD, Printausgabe, 15.7.2002)