Wien - Nach jahrzehntelangen Diskussionen und EU-Dokumenten von 1992, an denen sich inhaltlich nichts mehr geändert hat, ist die neue EU-Insolvenzverordnung mit 1. Juni 2002 in Kraft getreten. Sie gilt in allen EU-Ländern mit Ausnahme Dänemarks. Prinzipiell wird es damit für Masseverwalter und Gläubiger von Pleitefirmen möglich, leichter auf Vermögen außerhalb des jeweiligen Firmensitz-Landes zuzugreifen, auch wenn es dort keine Firmenniederlassungen gibt. Bisher war dies für österreichische Masseverwalter aufgrund von bilateralen Abkommen nur in Deutschland, Italien, Belgien und Frankreich möglich. In der Praxis kam es so beispielsweise zu einer Insolvenz bei einem Speditionsunternehmen, das seine Lkw, den einzigen Besitz, in die Niederlande brachte, um sie hierzulande dem Zugriff des Masseverwalters zu entziehen. Mehr Ausnahmen Mit der Materie befasste Juristen, wie Stefan Tiefenthaler von der Wiener Großkanzlei Binder Grösswang, sehen dennoch nur "einen ersten Schritt" zu dem angestrebten EU-weiten Konzerninsolvenzrecht. Derzeit würden "mehr Ausnahmen als Regeln" die Anwendbarkeit enorm erschweren, sagte Tiefenthaler zum S TANDARD . Bei einem Konkurs einer Firma, die in mehreren EU-Ländern tätig ist, ist schon die Gerichtszuständigkeit schwammig formuliert worden. Zuständig ist das Gericht in jenem Land, in dem die Firma den "Mittelpunkt seiner hauptsächlichen Interessen hat". Dort wird künftig das so genannte Hauptverfahren gegen die insolvente Firma geführt, das in allen anderen Ländern automatisch anerkannt wird. In Ländern mit weiteren Firmentöchtern können jetzt so genannte Sekundärverfahren eröffnet werden. Verzögerungen Tiefenthaler: "Durch diese Verfahrens-Aufsplitterung kommt es zu zeitlich extrem in die Länge gezogenen Verfahren." Vor allem seien die im Insolvenzfall sehr wichtigen "Details", wie Pfandrechte, Vorschriften für Eigentumsvorbehalte oder Sicherheiten-Verwertungen nicht EU-weit harmonisiert. Für die einzelnen Verfahren gilt in diesen Bereichen wieder rein nationales Recht, gleiches gilt etwa für Rechte aus Arbeitsverträgen. Weite Wirtschaftsbereiche bleiben ganz unangetastet: Überhaupt ausgenommen wurden Banken, Versicherungen und Wertpapierfirmen vom neuen EU-Insolvenzrecht, dort gilt weiterhin nur nationales Recht. (miba, DER STANDARD, Printausgabe 15.7.2002)