In Arles, der malerischen Stadt im Süden der Provence, findet zum 33. Mal die "Rencontres de la Photographie" statt: Bis Anfang September werden bekannte Größen wie unbekannte Talente vorgestellt. In Kirchen, Klöstern, Häusern und in der römischen Arena.Auf dem Bett Vibratoren, auf dem Tisch eine Packung Kleenex. Neben der Tür türmt sich Bettwäsche, sichtbar fleckig. Bevor das auffallen kann, ist der Blick schon zu den nackten Körpern gewandert. Das hier, das ist der Set eines Pornofilmes. Und die Bilder sind Versatzstücke einer jener semiaufklärerischen Dokus über das Pfui-Pfui-Business, die es auch seriösen Magazinen erlauben, Haut zu zeigen.

Vielleicht auch nicht: Die Bilder sind echt. Nur den Film gibt es nicht. Der Fotograf Larry Sultan hat die Pornodokumentation in einem jener einschlägig bekannten US-Einfamilienhaus-Settings erfunden. Nicht, um knallige Hingucker zu liefern, sondern um über das Vehikel Pornodokumentation eine Geschichte über die Bewohner des Hauses zu erzählen: An den Wänden hängen Familienbilder. Auf den Borden stehen Pokale vom Schulsport. Die Möbel, auf denen sich Busenwunder räkeln, kennt man auch.

Arles, die malerische Stadt im Süden der Provence, ist dieser Tage ein bisschen wie dieses Setting, das Sultan eben hier - und das ausgerechnet im erzbischöflichen Palais - zeigt: Kirchen, Klöster, mittelalterliche Häuser und sogar die römische Arena sind Schauplätze des Festivals Rencontres de la Photographie.

Neben einer umfassenden - und der überhaupt ersten - Retrospektive des tschechischen Fotografen Josef Koudelka (dessen Bilder vom Prager Frühling auch 34 Jahre nach 1968 noch dieses Würgen zwischen Herz und Hals auslösen) gibt es hier auch andere eingeführte Größen (u. a. Edward Weston, Jochen Gerz oder Gabriele Basilico) zu sehen. Aber wer - bitte - sind Zineb Sedira, Alexej Totarenko, Jan Costa oder Jules Antoine? Und wieso begeben sich Sammler, Kuratoren, Fachpresse und Publikum auf Bilderschnitzeljagd durch die Stadt an der Rhone?

Sicher: die Luftaufnahmen amerikanischer Freizeitaktivitäten des amerikanischen Cessna-Piloten und militanten Umweltschützers Alex Mac Lean wären auch sehenswert, wenn auf den Wänden des Ausstellungsraumes nicht Reste römischer Fresken wären. Und auch Antonio Biasiuccis unendlich ästhetisierte Close-up-Studien anatomischer Details von - jawohl - Kühen würden zum Hinschauen einladen, wenn sie nicht in einer Kapelle eines mittelalterlichen Klosters präsentiert würden. Und Jules Antoines Familienalbum aus der Zeit der vorletzten Jahrhundertwende weckt Erinnerungen an eigene Familientreffen - egal, ob durch die offenen Fenster des Prunksaales das Lachen der Kinder im Brunnen um den Obelisken auf der Place de la Republique dringt oder nicht.

Doch die historischen Orte bloß als Kulisse zu sehen, täte der Identität des heuer zum 33. Mal stattfindenden Festivals Unrecht: Fotos kann man schließlich überall aufhängen. Geschieht dies aber im Zusammenspiel mit einer Stadt, die sich auch auf Straßen, in Cafés und auf allen Plätzen im Zeichen der abbildenden Kunst präsentiert, ist das mehr als bloß eine ebenso hochklassige wie überraschende Bilderschau, zu der Fotografen aus der ganzen Welt anreiscn. Um zu sehen und gesehen zu werden.

Und sei es, um mit geschultertem Stativ durch die Straßen zu ziehen und Kollegen im gleißenden Licht des provencialischen Sommers das eigene Portfolio unter die Nase zu halten. Selbst wenn das längst keine Garantie ist, nächstes Jahr an einem der 23 Ausstellungsorte gezeigt zu werden. Andererseits: Auch Nan Goldin trat ihren globalen Siegeszug dereinst via Arles an. Aber davon spricht François Ebel nur, wenn man ihn explizit darauf anspricht. Schließlich, betont der 44-jährige Direktor des Festivals, gehe es ihm darum, die Rencontres überhaupt am Leben zu erhalten. Denn mit "nur mehr 100.000 Besuchern" sei das Festival im Vorjahr "beinahe unter die Wahrnehmbarkeitsgrenze abgesackt".

Keine Beschränkungen

Heuer hat François Ebel schon 140.000 an die Rhone geholt. Weil er das Programm mit Seminaren und Workshops massiv praxisorientiert positioniert hat. Und weil das Ausschreiben mehrerer, jeweils mit 10.000 Euro dotierter und im Rahmen eines glanzvollen Abendessens im Amphitheater überreichter Preise auch den eigens anreisenden Profis den Mund wässrig macht.

Vor allem aber, weil Ebel beschlossen hat, den Elfenbeinturm der Kunstfotografie nicht abzutragen, sondern zu sprengen: Ganz bewusst haben die Rencontres kein Motto. Und keine thematische, technische, disziplinäre oder sonstige Beschränkung: "Was zählt, ist das Talent dessen, der das Bild macht." Schließlich will Ebel mit den Rencontres nicht bloß ein weiteres Fotofestival auf den ohnehin übervollen Festivalkalender setzen, sondern "das Fotofestival schlechthin" werden. Und wenn er dazu eine ganze Stadt als Ausstellungsraum benutzen kann - umso besser. (DER STANDARD, Printausgabe, 15.7.2002)