Wien - Nicht nur die Fußball-WM und der Besuch des japanischen Kaisers in Wien rücken das ferne Japan in den Blickpunkt. Auch die japanische Börse verdient wieder mehr Aufmerksamkeit. "Die Börse von Tokio ist heuer unter den Weltbörsen der beste Markt", zeigt sich Andreas Schindler, Fondsmanager des "Japan Stock" in der Erste Sparinvest, optimistisch für den japanischen Finanzplatz. Ein knappes Plus von rund zwei Prozent seit Jahresbeginn hat dem Nikkei-Index den Platz auf dem Stockerl gesichert. Derzeit bietet Tokio wieder günstige Einstiegsniveaus: "Für das laufende Fiskaljahr haben wir ein für Japan attraktives Kurs-Gewinn-Verhältnis der wichtigsten Werte von durchschnittlich 26 errechnet", sieht auch Kurt Schappelwein, Aktienanalyst in der Raiffeisen Zentralbank realistische Chancen auf künftige Kursgewinne. Tatsächlich mehren sich die Anzeichen, dass die beginnende globale Konjunkturerholung auch die bislang rezessionsgeplagte japanische Wirtschaft erfasst. Das Wachstum lag im ersten Quartal entgegen den Erwartungen mit 1,4 Prozent im Plus, sämtliche Frühindikatoren zeigen derzeit nach oben. Exportmarkt China Auch die Verfassung des riesigen Marktes USA ist für Fondsmanager Schindler heute nicht mehr allein entscheidend über Wohl und Wehe der exportlastigen japanischen Wirtschaft: "China ist heute mit einem Exportvolumen von 380 Dollar pro Jahr ebenso wichtig wie die USA." Dennoch sieht Schindler die besten Kurschancen nicht bei den großen, weltumspannend agierenden Konzernen wie Sony oder Matsushita, sondern bei kleinen und mittleren Unternehmen, die sich vor allem am Inlandsmarkt orientieren: "Besonders unter den Small-Caps gibt es eine Reihe billiger Werte." Branchen wie Bekleidung, Lebensmittel, Maschinenbau, aber auch Versorger würden von einer anspringenden Inlandsnachfrage profitieren. Die Auswahl solcher Werte, das so genannte "Stock Picking", sollte man in der Regel einem Profi, also einem Fondsmanager überlassen, so Schindler. Analyst Schappelwein, der auf Aktien von Autoherstellern oder Elektronikproduzenten setzt und vor allem vor Bankaktien warnt, gibt eine ähnliche Empfehlung ab: "Privatanleger haben nur bei großen Unternehmen die nötigen Informationen. Daher: entweder genau hinschauen oder einem Fondsmanager vertrauen." Verhalten optimistisch ist auch das internationale Investmenthaus JP Morgan Fleming in seiner jüngsten Einschätzung: Günstige Bewertungsniveaus, die konjunkturelle Erholung und höhere Unternehmensgewinne beflügeln Japan, heißt es darin. Österreich-Geschäftsführer Berndt May warnt angesichts fundamentaler Probleme wie des angeschlagenen Finanzsystems, der hohen Staatsverschuldung und der mangelnden wirtschaftlichen Erneuerung vor allzu hohen Erwartungen. Womit japanische Investments weiterhin höchste Wachsamkeit erfordern. (Gerlinde Maschler, DER STANDARD, Printausgabe 15.7.2002)