Wien - Alles, was sich auf dieser Erde an Unheil aufgetan hat, ist der selbstgerechten "unersättlichen männlichen Egomanie" zuzuschreiben, sagt Horst-Eberhard Richter. Die "männliche Vision der Selbstvergötterung" sei zum Ziel des westlich wissenschaftlich-technischen Fortschrittstrebens geworden, doch "endlich" sei zaghaft eine Wende erkennbar, eine Wende hin zum Weiblichen, zur Abkehr vom männlichen Egokult.Langsam tauchen wieder Sehnsüchte nach Nähe, nach Bindungen, nach einem "Wirgefühl" auf, bemerkte Horst-Eberhard Richter am Sonntag in seinem Eröffnungsreferat beim Psychotherapie-Weltkongress in Wien. Bei diesem mittlerweile dritten internationalen TherapeutInnenmeeting treffen in dieser Woche rund 5000 PsychotherapeutInnen zum Meinungsaustausch zusammen. In 66 Symposien und mehr als 1000 "Events" soll ein aktueller Überblick über die aktuelle Entwicklung der Psychotherapie geschaffen werden. Der große alte Mann der deutschen Psychotherapie, Friedensaktivist und Globalisierungsgegner, Horst-Eberhard Richter, ortet in der auch von Sigmund Freud etwa im "Unbehagen in der Kultur" beschriebenen Rollenaufteilung der Geschlechter ein geistiges Fundament des männlich-egomanischen Weltbildes. Freud, 1930: "Frauen vertreten die Interessen der Familie und des Sexuallebens", die Kulturarbeit sei "Sache der Männer", diese nötigte sie zur Triebsublimierung, "der die Frauen weniger gewachsen sind". Machtwort Flexibilität Richter verweist auf den "grotesken Kontrast" zwischen dieser egomanischen Utopie und den heutigen eingeengten Lebens- und Arbeitsverhältnissen - wie es etwa der US-Soziologe Richard Sennet im Buch "Der flexible Mensch" diagnostiziert. Männer versuchten zwar, nach immer Höherem zu streben, müssten sich aber chamäleonartig in der Arbeitswelt anpassen. Richter: "Flexibilität ist das Machtwort des neuen Zeitgeistes. Aber das lateinische Flexus heißt Krümmung, Biegung." Die "egomanische" Entwicklung verschärft sich daher offenbar zunehmend in ihrem Widerspruch und stößt an Grenzen. Ende der 70er-Jahre hat Richter bei periodischen Untersuchungen noch dokumentiert, dass Männer ihre Selbstverwirklichung am ehesten durch mehr Abstand von anderen, durch Konzentration auf Konkurrenz suchen und dabei glauben, im Wettlauf Schritt zu halten. Doch viele scheinen sich totgelaufen zu haben. Denn Mitte der 90er-Jahre entdeckte Richter, dass dem Durchschnitt der Deutschen bei ihrem Egotrip, der mit der Unterdrückung der Gefühlsbedürfnisse einher geht, langsam unwohl wird. Richter: "Die hoffnungsvolle Individualisierung war Vereinsamungsgefühlen in einem Klima sozialer Kälte gewichen." Bei Testbefragungen und durch Erfahrungsberichte von psychotherapeutischen PraktikerInnen begann sich plötzlich abzuzeichnen: Der Egokult bröckelt. Richter: "Die Sorge um andere meldet sich nach längerem Niedergang wieder zurück." Was können Psychotherapeuten auf dem "Weg zum Weiblichen" beitragen? Richter glaubt, das etwa FamilientherapeutInnen versuchen könnten zu verhindern, dass die "Opfer der kulturellen Egomanie" jene deformierten Selbstbilder von Männlichkeit auf ihre Kinder übertragen. (Walter Müller, D ER S TANDARD , Print-Ausgabe, 15.7. 2002)