Istanbul/Ankara - Der erkrankte türkische Ministerpräsident Bülent Ecevit schließt einen Rücktritt nicht mehr aus. Ecevit sagte der linksliberalen Tageszeitung "Milliyet" (Montag-Ausgabe), er könnte demissionieren, falls seine Drei-Parteien-Koalition die Mehrheit im Parlament verlieren sollte. Sein Koalitionspartner Vizepremier Devlet Bahceli, Chef der ultrarechten Partei des "Nationalistischen Aufbruchs" (MHP), hatte am Samstag die Demission Ecevits gefordert, sollte die Koalition die Mehrheit im Parlament verlieren. Die Regierungskoalition von Ecevits Demokratischer Linkspartei (DSP), der MHP und der rechtsliberalen Mutterlandpartei (ANAP) hat derzeit noch 289 von 550 Abgeordnetensitzen. Die DSP verfügt nach zahlreichen Fraktionsaustritten nur noch über 83 von ursprünglich 128 Mandaten und ist damit drittstärkste Fraktion hinter der MHP (127) und der oppositionellen konservativen Partei des Rechten Weges (DYP) der ehemaligen Ministerpräsidentin Tansu Ciller (85). Schlüsselfigur Ecevit sagte der Zeitung, falls auch Wirtschaftsminister Kemal Dervis die Regierung verlassen sollte, könnte dies einen Exodus bei der DSP auslösen und ihn zum Rücktritt bewegen. Dervis gilt als Schlüsselfigur der Regierung, nachdem er mit dem Internationalen Währungsfonds (IWF) im Februar ein Hilfspaket über acht Milliarden Dollar ausgehandelt hatte. Dervis hat bereits seinen Rücktritt angeboten, der aber vom Staatspräsidenten Ahmet Necdet Sezer abgelehnt worden war. Sieben Minister, unter ihnen Außenminister Ismail Cem, haben die Regierung inzwischen verlassen. "Falls Herr Dervis eine differenzierte Haltung annimmt, werde ich zurücktreten müssen, ohne auf die 276 (den Verlust der absoluten Mehrheit, Anm.) zu warten", sagte Ecevit gegenüber "Milliyet". Dervis hatte zuletzt erklärt, er unterstütze die vom zurückgetretenen Außenminister Cem geplante neue Parteigründung. Am Freitag voriger Woche hatte der frühere Außenminister die Gründung einer sozialdemokratisch orientierten Pro-EU-Partei angekündigt. Der faktisch bereits begonnene Wahlkampf dürfte sich ganz auf den EU-Kurs des Landes konzentrieren. Zwischen der MHP und der ANAP von Vizepremier Mesut Yilmaz ist ein erbitterter Streit über den Wahltermin ausgebrochen. Yilmaz möchte bereits am 29. September wählen lassen, während Bahceli die deutschen Wahlen abwarten will und den 3. November als Wahltag vorgeschlagen hat. Der EU-Kurs war einer der Streitpunkte, der den Zerfall der seit 1999 amtierenden Regierung Ecevit beschleunigte. Dezidiert gegen einen EU-Beitritt, für den die Türkei mindestens die Todesstrafe abschaffen und den Kurden Minderheitenrechte gewähren müsste, sind die MHP-Nationalisten. Sie haben nach eigenen Angaben die notwendigen 110 Unterschriften von Abgeordneten beisammen, um eine Sondersitzung des Parlaments am 1. September zur Selbstauflösung zu erzwingen. Sie wollen die Parlamentswahlen zu einem Referendum über die EU-Annäherung machen. (APA/Reuters)