Paris - Vor seinem Besuch in Paris hat sich der deutsche Unions-Kanzlerkandidat Edmund Stoiber (CSU) für einen neuen "Gründungspakt" in den deutsch-französischen Beziehungen ausgesprochen. Das beste Fahrzeug könne nur dann leistungsfähig sein, wenn es regelmäßig gewartet und unterhalten werde, sagte Stoiber der konservativen Pariser Tageszeitung "Le Figaro" (Montag-Ausgabe) in Anspielung auf den häufig beschriebenen deutsch-französischen "Motor" in Europa. Im Falle seiner Wahl zum Bundeskanzler wolle er dafür sorgen, dass die deutsch-französischen Beziehungen vierzig Jahre nach dem von Konrad Adenauer und Charles de Gaulle geschlossenen Freundschaftsvertrag von 1963 eine neue "Qualität" erhielten, fügte Stoiber hinzu. Stoiber, der am Montag zu einem zweitägigen Besuch in Paris erwartet wird, warf Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) und Außenminister Joschka Fischer (Grüne) vor, sie hätten in den Beziehungen zu Frankreich viel "Zeit verschenkt". Die zukünftige Gestaltung Europas sei davon abhängig, dass die Regierungen in Berlin und Paris "ihre Geigen gleich stimmen". Schröder habe die europäischen Partner mehrfach durch öffentlich ausgesprochene Maximalforderungen "schockiert". Der Unions-Kanzlerkandidat schlug vor, die Europäer sollten sich künftig verstärkt um eine militärische Aufgabenverteilung bemühen. Sonst werde der Einfluss Europas gegenüber den Vereinigten Staaten weiter zurückgehen. Stoiber will in Paris am Nachmittag mit Außenminister Dominique de Villepin zusammentreffen. Am Dienstagmorgen ist ein Gespräch mit Staatspräsident Jacques Chirac und am Nachmittag ein Treffen mit Premierminister Jean-Pierre Raffarin geplant. Begleitet wird der bayerische Ministerpräsident vom Außen- und Europapolitiker seines so genannten "Kompetenzteams", dem früheren CDU-Vorsitzenden Wolfgang Schäuble. Stoiber hatte gegenüber dem Münchner Nachrichtenmagazin "Focus" Schröders Verhalten gegenüber dem französischen Staatspräsidenten kritisiert: "Statt vernünftig mit Chirac zu verhandeln, bläst der Kanzler gleich in die Öffentlichkeit, er wolle die Agrarsubventionen kräftig kürzen. Das musste Frankreich provozieren." Das Nachbarland sei "der Schlüssel zu Reformen in Europa; ohne die enge Verbindung zwischen Frankreich und Deutschland geht nichts". In Paris will Stoiber ausloten, wo Kompromisse beim Streit um die Agrarpolitik liegen könnten. "Präsident Chirac hat einen überwältigenden Wahlsieg errungen und absolviert seine letzte Amtsperiode. Dadurch hat er hoffentlich den Rücken frei für Reformen in Europa." Der Kanzlerkandidat hatte am Freitag die Pläne Frankreichs und anderer Länder der Europäischen Union abgelehnt, das Einhalten der Haushaltsdefizitgrenze von drei Prozent an konjunkturelle Elemente zu knüpfen, etwa an die Höhe des Wirtschaftswachstums. Zugleich sprach er sich gegen eine einheitliche Wirtschafts-, Steuer- und Finanzpolitik in der EU aus - Frankreich tritt dagegen seit langem als Verfechter einer solchen Harmonisierung auf. Auf wenig Gehör dürfte in Paris auch Stoibers Forderung nach einer Kofinanzierung der EU-Hilfen für Bauern durch die Mitglieder stoßen. Immerhin hat sich Stoiber von der deutschen Bundesregierung abgesetzt und fordert eine Verschiebung der Agrarreform, was in Frankreich mit Wohlwollen zur Kenntnis genommen werden dürfte. (APA/Reuters)