Die Stimmung war freundlich, doch ein Wermutstropfen blieb. "Ich persönlich bin der Meinung, dass Kostunica sich entschuldigen sollte", sagte der bosnische Präsident Beriz Belkic, der am Montag in Sarajevo erstmals seit der Unabhängigkeit des Landes 1992 seinen jugoslawischen und kroatischen Amtskollegen gleichzeitig empfing. "Doch werden wohl noch Jahre vergehen, ehe ein jugoslawischer Willy Brandt auftaucht, der um Verzeihung für die verlorenen Leben in Bosnien bitten wird", kritisierte Belkic den mangelnden Willen von Jugoslawiens Präsident Vojislav Kostunica, Verantwortung für die Rolle Jugoslawiens während des Krieges in Bosnien zwischen 1992 und 1995 zu übernehmen. Im Vorfeld des symbolischen Treffens hatten Belkic und seine beiden Kollegen im dreiköpfigen bosnischen Staatspräsidium noch überlegt, Kostunica öffentlich zu einer Entschuldigung für die mehr als dreijährige Belagerung Sarajevos durch serbische Einheiten aufzufordern, waren am Wochenende jedoch davon abgerückt. In der bosnischen Hauptstadt protestierte die Muslimische Brüderschaft derweil mit Plakaten gegen die Einladung Kostunicas, die die Aufschrift "15. Juli - Terrorismus gegen Bosnien" trugen. Am 15. Juli 1991 hatte die damals noch gesamtjugoslawische Regierung zum ersten Mal Einheiten der Jugoslawischen Volksarmee (JVA) gegen kroatische Polizisten eingesetzt, ein Jahr später begann der Bosnien-Krieg, an dem ebenfalls JVA-Soldaten beteiligt waren. Immerhin vermied der jugoslawische Präsident beim Treffen mit Belkic und dem kroatischen Präsidenten Stipe Mesic die diplomatischen Fehltritte seines letzten Sarajevo-Besuchs. Kurz nach dem Sturz Slobodan Milosevic' war er bereits im Oktober 2000 nach Sarajevo gereist, dort aber lediglich mit Repräsentanten der bosnisch-serbischen Republika Srpska zusammen getroffen, nicht des Gesamtstaates. Insofern stellte das trilaterale Treffen am Montag vielleicht wirklich eine "historische Wende" dar, wie der Hohe Repräsentant, Paddy Ashdown, nach seiner Begegnung mit Mesic, Belkic und Kostunica erklärte. (DER STANDARD, Printausgabe, 16.7.2002)