Heuer ist es dreißig Jahre her, dass in einer Oktobernacht des Jahres 1972 die damals aufgestellten, schon im Staatsvertrag von 1955 (!) festgelegten zweisprachigen topografischen Aufschriften in Südkärnten im so genannten "Ortstafelsturm" zerstört wurden. Und seit einigen Monaten bilden die Ortstafeln wieder Konfliktstoff. Denn der Verfassungsgerichtshof hat das seitens der Regierung Kreisky dann erfolgte Zugeständnis, in nur noch 91 (statt der ursprünglich vorgesehenen 205) Siedlungen mit mindestens 25 Prozent Slowenischsprachigen solche Tafeln aufzustellen, für unzureichend befunden und zehn Prozent als Maßstab verlangt. Die Slowenenvertreter verlangten daraufhin Tafeln in 294 Orten, der Kärntner Landeshauptmann Jörg Haider wies das zunächst abrupt zurück, aber auch die zwei anderen im Landtag vertretenen Parteien, offensichtlich des "Kärntner Klimas" bewusst, waren für Verhandlungen. Dabei dürfte nach dem letzten Stand der Dinge wieder ein Kompromiss herauskommen. "Kärnten ist anders", könnte man einen auf Wien gemünzten Slogan abwandeln. Das hat nicht unmittelbar mit der Nazizeit zu tun. Wenn man die Karte der Wahlergebnisse der zweiten und letzten allgemeinen Wahlen in der Monarchie (1911) betrachtet, fällt auf: Sämtliche ländliche Wahlkreise zeigen eine christlichsoziale Mehrheit, Wien und einige Industriestädte sind mehrheitlich sozialdemokratisch. Nur Kärnten bildet eine Ausnahme: Alle Wahlkreise (mit Ausnahme des roten Villach) schickten Abgeordnete der Deutschen Volkspartei ins Parlament, der Südkärntner Wahlkreis slowenische Klerikale. Der in den letzten Jahrzehnten der Monarchie heftig geführte Nationalitätenkampf hatte also auch Kärnten nicht verschont. Als bei deren Zusammenbruch slowenische Truppen Südkärnten besetzten, wurden sie in einem - danach geradezu mythisch erhöhten - Abwehrkampf zurückgeschlagen; das wieder hatte den Einmarsch der serbischen Armee und schließlich 1920 die Volksabstimmung zur Folge, bei der sich 59 Prozent der Südkärntner (unter ihnen schätzungsweise auch 10.000 der Slowenen) für Österreich entschieden. Den Kärntner Slowenen wurde das schlecht gedankt: Eine Autonomie für sie lehnte die Republik ab, ihre Zahl reduzierte sich von 66.000 (1910) auf 27.000 (1934), wobei der Assimilationsdruck vor allem soziale und wirtschaftliche Gründe hatte. Jene, die weiterhin permanent die Gefahr einer Teilung, einer Slowenisierung Kärntens an die Wand malten, waren extreme Deutschnationale, die sich berufen fühlten, die "Südmark" des Deutschtums zu verteidigen. Die antislawische Haltung, von der auch die Arbeiterbewegung nicht verschont blieb, war ungebrochen und erhielt auch eine - in anderen ländlichen Gebieten Österreichs so nicht gekannte - antiklerikale Note, weil die Kirche als Hüterin des Slowenentums gesehen wurde. Die Kärntner "Urangst" (eine solche stünde eher den Slowenen zu, insbesondere nach den Verfolgungen unter der Hitlerherrschaft) bekam neue Nahrung, als Jugoslawien nach 1945 erneut Ansprüche auf Südkärnten stellte. Im Staatsvertrag musste sich Belgrad mit den Schutzbestimmungen des Staatsvertrags bescheiden. Die große Organisation des "Kärntner Heimatdienstes", der sich als "Dachverband aller heimattreuen Kärntner", dem zahlreiche Vereine angehören, betrachtet, hält die Traditionen des Abwehrkampfes und der Volksabstimmung hoch, denen sich keine Partei verschließen kann. Die "völkische" deutschnationale Orientierung wurde weitgehend verinnerlicht, konnte doch der Gegensatz zu den slowenischen Kärntnern nur als "deutsch" definiert werden, weil ja keiner der beiden Sprachgruppen das Österreichersein abgesprochen werden kann. Dem konnten sich auch die lange vorherrschenden Sozialdemokraten nicht entziehen, wie der vergebliche Versuch des Landeshauptmanns Hans Sima, der 1974 über die Ortstafeln stürzte, zeigte. Dass es schließlich Jörg Haider - mit einer selbst verschuldeten Unterbrechung - zweimal an die Landesspitze schaffte, war nicht zuletzt eine Konsequenz aus diesem ungelösten Kärntner Seelenzustand. Vielleicht wird erst die EU-Integration des kleinen, von jugoslawischem Machtanspruch geheilten Slowenien auch die angesichts von nur noch 13.000 Sprachslowenen ohnehin völlig anachronistisch gewordenen deutschnationalen Quellen der Urangst versiegen lassen. Morgen: "Österreich zuerst" - deutschnational neu?(Manfred Scheuch/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 17.7.2002)