Brüssel - Der Gebietsschutz für Autohändler steht vor seinem Ende. Die EU-Kommission hat am Mittwoch endgültig eine schrittweise Liberalisierung von Kfz-Vertrieb und -Service beschlossen. Damit wird es künftig auch möglich sein, Neuwagen im Supermarkt oder im Internet völlig legal zu erwerben. Außerdem werden die Hersteller mehr autorisierte Vertragswerkstätten zulassen müssen.Um die Umstellung des Systems zu erleichtern, wird die neue Gruppenfreistellungsverordnung (GVO) den Gebietsschutz für Händler erst ab Oktober 2005 aufheben. Das EU-Parlament und vor allem die deutsche Bundesregierung hatten nach Vorstellung des ersten Entwurfs von EU-Wettbewerbskommissar Mario Monti eine um ein Jahr längere Frist und zusätzlich eine Überprüfung gefordert. Die neue Verordnung, die Monti und EU-Kommissionspräsident Romano Prodi am Mittwoch in Brüssel vorstellen, war notwendig geworden, da die bisherige Regelung mit September diesen Jahres ausläuft. Ohne Nachfolgenorm würde das allgemeine EU-Wettbewerbsrecht gelten: Dann dürften Autohersteller Händlern und Werkstätten so gut wie keine Vorschriften machen. Die Verordnung bedarf weder der Zustimmung des Parlaments noch des EU-Ministerrats. Zwei Vertriebssysteme Die neuen Regelungen erlauben den Herstellern, beim Autohandel für jedes Land eines von zwei Vertriebssystemen zu wählen, das selektive oder das exklusive.
  • Bei selektivem Vertrieb muss ein Händler zwar an einem bestimmten Ort eine Hauptniederlassung betreiben. Er darf aber überall in Europa Zweigniederlassungen gründen, die dann den dortigen Standards des Herstellers zu entsprechen haben.

  • Bei exklusivem Vertrieb behält ein Händler sein Gebietsmonopol. Er darf aber seine Fahrzeuge an unabhängige Wiederverkäufer - wie Supermärkte oder Internetbörsen - weiterveräußern.
Mit dieser Neuregelung geht einher, dass ein Autohaus künftig auch Fahrzeuge verschiedener Hersteller führen darf - in der Praxis bis zu vier Marken. Sie müssen nur erkennbar getrennt im Geschäft präsentiert werden. Vertragswerkstätten Eine wesentliche Flexibilisierung bedeutet es für die Händler, dass sie künftig nicht mehr verpflichtet werden dürfen, auch eine Werkstatt zu betreiben. Auf der anderen Seite werden die Autokonzerne gezwungen, jeden Reparateur als Vertragswerkstatt zu akzeptieren, der eine Liste objektiver Qualitätskriterien erfüllt. Zudem haben künftig auch unabhängige Werkstätten Anspruch auf alle Informationen über die Fahrzeuge. Wer eine Vertragswerkstatt aufsucht, ist übrigens bald nicht mehr genötigt, nur teure Originalersatzteile einbauen zu lassen. Er kann auch billigere, gleichwertige verlangen. (Jörg Wojahn, DER STANDARD, Printausgabe 17.7.2002)