Wien - Empörte Patienten, die hie und da schreien, sowie Mediziner, die sich gegen die so empfundene Drangsalierung wehren: Chefärzte müssen bei ihrer Arbeit mit Unannehmlichkeiten rechnen. Das berichtet Reinhard Marek, Ärztlicher Direktor und somit "oberster Chefarzt" der Wiener Gebietskrankenkasse.Rund ein Fünftel der Arbeit machen Genehmigungen von Medikamenten aus, sagt er im Standard-Gespräch. Knapp fünf Prozent aller verschriebenen Medikamente sind chefarztpflichtig. Wie berichtet soll das 2003 fallen, Krankenstandskontrollen sowie Begutachtungen bei Heilbehelfen und teuren Behandlungen werden aber bleiben. Manches - wie die umstrittenen Ginkgo-Präparate (die gegen Gedächtnisprobleme helfen sollen) - sei prinzipiell abgelehnt worden, sagt Marek. Für anderes habe es billigere Alternativen gegeben. Doch bei "sauberer Indikationsstellung" werde zugestimmt. Insgesamt, so heißt es im Hauptverband der Sozialversicherungsträger, werden höchstens fünf Prozent aller genehmigungspflichtigen Medikamente abgelehnt. Unter Medizinern kursiert jedoch eine Zahl von 15 Prozent. Sorge, dass es bald arbeitslose Chefärzte (ein Teil ist pragmatisiert) geben könnte, hat Marek nicht. Dann werde man sich eben verstärkt der Qualitätssicherung widmen. Doch beim Stichwort Qualität haben Mediziner meist andere Assoziationen: "Wir Ärzte pfeifen aus dem letzten Loch", erklärt Hans-Joachim Fuchs, Praktiker und Ärztekammer-"Qualitätssicherer". Manche fürchten statt der Chefarztpflicht anderen, noch härteren Spardruck für die Praxen. "Aber ärger geht's gar nicht mehr", meint Fuchs. Ärzte, die sich ernsthaft mit ihren Patienten auseinander setzen, würden im jetzigen System draufzahlen. Und alle ärztlichen Honorarerhöhungen der letzten Jahre seien unter der Inflationsgrenze geblieben. Fuchs glaubt außerdem, dass sozial schwachen Patienten öfter als anderen die Chefarztgenehmigung für Medikamente verweigert wird - etwas, das die Kasse vehement bestreitet. (Martina Salomon/DER STANDARD, Printausgabe, 17.7.2002)