"Augustin hört auf" beginnt das Editorial in der hundertsten Ausgabe der Wiener Obdachlosenzeitung, um dann zu erklären, man "höre auf niemanden". Denn das alternative Medienprojekt habe noch nie einen Cent Subvention genommen, rühmt sich der Trägerverein. Die Einnahmen kommen aus dem Vertrieb der Zeitung, die von gegenwärtigen und ehemaligen Obdachlosen geschrieben und in den Straßen Wiens verkauft wird.Die 1995 von Studierenden der Wiener Sozialakademie initiierte Zeitung ist seither von 6.000 auf 30.000 Exemplare pro Ausgabe gewachsen und - mit Erlebnisberichten Betroffener, aber auch einem alternativen Kultur- und Veranstaltungsteil - professioneller geworden. An die 1500 Obdachlose hatten seit Gründung Kontakt zum Augustin. Derzeit verkaufen 400 das Blatt, das nun Teil eines größeren Projekts mit Radioprogrammen und Internet geworden ist. Ziel bleibt es, vom Fall ins Bodenlose Bedrohten durch Arbeit Halt zu bieten, wenn das auch nicht immer glatt geht und Kolporteure der "ersten österreichischen Boulevardzeitung" gelegentlich noch mit einem "Schleich di" abgewiesen werden. Zum internationalen Beispielen folgenden Augustin sind mittlerweile ähnliche Projekte in Graz, Innsbruck, Linz und Salzburg gekommen. (Links auf der Augustin-Homepage unter "Streetpapers".) In der Nummer 100 schreiben 14 Autoren fiktive "Rückblicke" aus einer Zukunft, in der in Wien moslemische Polizistinnen im Dienst Kopftuch tragen und bürgerlich Behütetete beim "Nicht-Sesshaften-Praktikum" das "Probeliegen auf der Straße" üben. Keine Utopie ist es, dass Augustin-Aktivisten demnächst ein Obdachlosentheater realisieren wollen. (Erhard Stackl/DER STANDARD, Printausgabe, 17.7.2002)