Belfast/London - Eine historische Entschuldigung der republikanischen Untergrundorganisation Nordirlands (IRA) für Hunderte von Opfern ihres drei Jahrzehnte währenden Terrors ist in Nordirland auf ein unterschiedliches Echo gestoßen. Während Politiker am Mittwoch in London und Dublin die Erklärung als wichtiges positives Zeichen für die Fortsetzung des in eine Krise geratenen Friedensprozesses von 1998 werteten, bezeichneten Vertreter der pro-britischen Protestanten sie als "völlig ungenügend". Der britische Nordirland-Minister John Reid wertete die Erklärung als "beispiellose Geste", die USA sprachen von einem "wichtigen Schritt". In der Erklärung, die am Dienstag, wenige Tage vor dem 30. Jahrestag einer Serie blutiger Autobombenanschläge in Belfast in der republikanischen Zeitschrift "An Phoblacht" veröffentlicht wurde, hatte die katholische "Irisch-Republikanische Armee" den Angehörigen eines besonders schweren Anschlags "unsere aufrichtige Anteilnahme" ausgesprochen. Das Schreiben wurde wie alle Erklärungen der IRA-Führung mit dem Pseudonym "P. O'Neill" unterzeichnet. Am 21. Juli 1972 wurden in Belfast neun Menschen getötet und 130 verletzt, als die IRA am so genannten "Blutigen Freitag" 27 Bomben explodieren ließ. Sieben Tote waren Zivilisten, zwei Soldaten. Zivile Opfer Die Entschuldigung der IRA richtete sich an die zivilen Opfer dieses Anschlags, also nicht jene der Polizei oder der Armee. "Obwohl es nicht unsere Absicht war, Nicht-Kombattanten zu töten oder zu verletzen, gehört es zur Wirklichkeit, dass dies bei dieser und einigen anderen Aktionen geschah", erklärte die IRA. "Angesichts des Jahrestages dieses tragischen Ereignisses ist es angebracht, dass wir uns mit all den toten und verletzten Nicht-Kombattanten beschäftigen, die wir zu verantworten haben. Wir bitten deren Familien aufrichtig um Entschuldigung und sprechen ihnen unser Mitgefühl aus." Die Erklärung der IRA wurde zu einem krisenhaften Zeitpunkt im 1998 eingeleiteten Friedensprozess für Nordirland veröffentlicht. Die pro-britischen Protestanten unter Führung von Friedensnobelpreisträger David Trimble haben vom britischen Premierminister Tony Blair Maßnahmen gegen die ihrer Ansicht nach von republikanischen Katholiken begangenen Verstöße gegen den vereinbarten Waffenstillstand verlangt. Sie fordern von London, Maßnahmen gegen Sinn Fein, den politischen Arm der IRA, einzuleiten. Der protestantische nordirische Regierungschef sagte, Blair sei durch die IRA-Erklärung keineswegs aus der Verpflichtung entlassen, noch bis zu Beginn der Parlamentsferien am 24. Juli zu erklären, wie er die Verstöße der Republikaner gegen den Waffenstillstand ahnden und verhindern wolle. "Es ist bedeutsam, dass diese Erklärung weder etwas über die jüngste Gewalt sagt, in die die IRA verwickelt ist, noch etwas darüber, wie sie sich künftig verhalten wird." Der britische Nordirland-Minister John Reid begrüßte "diese Entschuldigung von beispielloser Stärke". "Wirklich wichtig ist es nun, diese Gefühle in die Realität umzusetzen. Die Menschen wollen darauf vertrauen können, dass ihnen dieser furchtbare Schmerz nie wieder zugefügt wird." Der irische Premierminister Bertie Ahern sagte: "Dies ist ein wichtiger Beitrag zur Konsoliderung des Friedens und der Aussöhnung." Politische Beobachter sahen in der Erklärung einen Versuch der IRA, zu verhindern, dass Blair den "politischen Arm" der Organisation, die Partei Sinn Fein, aus der Allparteien-Regierung Nordirlands ausschließt. Dem IRA-Terror sind nach offiziellen britischen Angaben in 30 Jahren rund 1.800 Menschen zum Opfer gefallen, darunter 650 Zivilisten. Bei Auseinandersetzungen zwischen Katholiken und Protestanten wurden mehr als 3.200 Menschen getötet. Die katholische Untergrundorganisation kämpft seit Jahrzehnten mit Gewalt für eine Loslösung Nordirlands von Großbritannien und einer Vereinigung mit der Republik Irland. (APA/dpa)