Bregenz - Die Festrede zur Eröffnung der 57. Bregenzer Festspiele hielt der tschechische Botschafter Jiri Grusa, ein prominenter ehemaliger Prager Bürgerrechtskämpfer und Weggefährte des amtierenden Staatspräsidenten Vaclav Havel. Mit dem literarischen Essay "Büro für Träume - oder die einfache Zukunft" schlug Grusa bei der Festspieleröffnung den Bogen zur abendlichen Premiere der Hausoper "Julietta" des tschechischen Komponisten Bohuslav Martinu (1890 - 1959). Nach der 1999 überaus erfolgreich aufgeführten "Griechischen Passion" ist "Julietta" bereits das zweite Werk von Martinu in Bregenz. "Tat der Kontexte" Die Entscheidung der Festspiele, den aus der "kakanischen Kleinstadt" Policka stammenden Bohuslav Martinu zu spielen, würdigte Grusa als eine "Tat der Kontexte". Denn Martinu sei tschechisch und europäisch, Heimat und Welt. Das "Julietta"-Libretto und die Musik schrieb Martinu nach dem surrealen Stück "Juliette ou la cle des songes" (Juliette oder das Traumbuch) von Georges Neveux als eine Oper der Suche und der Sehnsucht. In dem "Traumbuchstück" vom Pariser Buchhändler Michel auf der Suche nach Juliette, deren Stimme ihn betört hat, werde kein einziger Traum gedeutet, kein Omen des Kommenden entziffert. "Die Menschen hier fesselt die Vergangenheit", so Grusa, "als würde in ihnen der Zeitstrom versickern". "Skurril genug" Als Martinu im Pariser Exil das Stück von Neveux entdeckte, hatte der Surrealismus seinen Zenit erreicht. Und als die Oper im März 1938 in Prag zum ersten Mal aufgeführt wurde, erfolgte am Tag zuvor in Wien der Einmarsch Hitlers. Für Grusa ein Umstand, der vielleicht ominös, "aber skurril genug" war - fast "Neveux gemäß". Die Musik von Martinu sei ein Lob der Gegenwart, mache Mut, die Zukunft zu wollen: "Es ist der Grund, warum Martinu immer aktueller wird. Fast erinnert er an den 'actus purus', an das Göttliche". "Aber hören Sie seine Musik", führte Festredner Jiri Grusa zurück zum Thema Festspiele. Der Schriftsteller, Lyriker und Journalist Grusa wurde nach dem Prager Frühling gegen seinen Willen ausgebürgert und lebte in Deutschland. Während Havel im Gefängnis saß, fungierte Grusa als Herausgeber seiner Briefe. Nach der Wende in Prag wurde er 1990 tschechischer Botschafter in Bonn, seit 1998 bekleidet er dieses Amt in Wien. (APA)