Wien/Basel - "Ich hab' meine Tante geschlachtet" - das ist überraschenderweise nicht vom Wiener Georg Kreisler, sondern vom Berliner Frank Wedekind. Aber es ist kein Zufall, dass es jüdische Emigranten waren - Kreisler musste 1938 aus Wien in die USA fliehen -, die nach dem Zweiten Weltkrieg die große Tradition des kritischen Chansons, wie sie Wedekind und der junge Brecht begründet hatten, aufnahmen. Ein Anschluss also, aber ein anderer: Juden - Musiker, Dichter, Wissenschafter - waren vertrieben worden, hielten jedoch die ebenfalls ausgetriebene Moderne aufrecht. Dies aber wieder in "wienerischer" Musiktradition: Wie Georg Kreisler Klavier spielen kann! Zur Melodie einer Mozartsonate singt er in den 60er-Jahren: "Wien bleibt Wien/ hier gibt's kein Lenin/.../ wo sind die Zeiten dahin/ als noch der guate alte Hitler bei uns einmarschierte / als man die jüdischen Geschäfte arisierte". - Vor dem Krieg hatte Kreisler, Sohn eines Rechtsanwalts, am Konservatorium schon Musik studiert, was er in Los Angeles fort- und als Filmkomponist umsetzte. In Amerika lernte er Marcel Prawy kennen und rückte mit ihm zusammen als Soldat aus, sie gestalteten Revuen für die US-Boys in Europa, darunter eine mit dem hübschen Titel "Mama is a Psycho-Analyst". Nach dem Krieg verdingte sich Kreisler als Sänger in einer New Yorker Bar, bevor er als amerikanischer Staatsbürger 1955 in einer schnell berühmten Wiener Bar landete: In der "Marietta-Bar" in der Spiegelgasse hatte sich um Gerhard Bronner, Peter Wehle und Carl Merz mit dem Star Helmut Qualtinger ein neues, stark musikalisches, Kabarett formiert. Georg Kreisler stieß dazu, stieß sich aber 1958 wieder ab, er wollte "zeitkritischer" sein, und außerdem: "Oft kam ich zu Bronner und sagte: Qualtinger hat mich schon wieder angespuckt! Doch der sagte mir nur: Spuck zurück!" - Es war das Ende einer Ära. Bronners G'schupfter Ferdl und Kreislers Anti-Liebeslied Gemma Tauben vergiften im Park waren die Schlager der Epoche. Andere Traditionen Sicher: Georg Kreisler steht auch in der Tradition jenes "düsteren" Wien, das Friedrich Gulda im Begleittext zu seiner letzten, sensationellen Einspielung von Schuberts Impromptus umriss als eine "Mischung aus Lächeln und Selbstmord: Der liebe Augustin als Vorgänger; Selbstmörder Raimund; manche Heurigenlieder ( Erst wann's aus wird sein , Wann i amal stirb ...). " In dieser Tradition, aber in noch kühnerer Harmonik als der gerne gängige Melodien zitierende Kreisler, hatte Gerhard Rühm um 1955 auch seine auf andere Weise "düsteren" Chansons, die söbsdmeadagraunz , komponiert. Georg Kreisler verfährt anders, er macht auch den Tod als Wien-Klischee kenntlich: "Der Tod, das muss ein Wiener sein/ genau wie die Lieb a Französin". Beim späteren Kreisler, der mit seiner dritten (Topsy Küppers) wie auch mit seiner vierten Frau (Barbara Peters) durch deutsche Städte tingelte und vor zwei Jahren für die Sofiensäle eine Oper komponierte ( Der Aufstand der Schmetterlinge ) fallen aber noch ganz andere Verfahren auf. Eben die Sprachtechniken eines Wedekind, eines Brecht. Etwa die sprachliche Genauigkeit: "Oh ich liebe das Mädchen mit den drei blauen Augen/ wenn wir zwei spazieren geh'n Aug in Aug in Aug." Oder das Sprachspiel in Max auf der Rax ("Füchse verjuxen den Max auf der Rax"): Diesem Max werden immer gegenteilige Echos zurückgeworfen, sein "Automobil!" wird zum "Automobol!", und "jedes Liebesidyll ein Lobesodol". - Hören wir hier also lieber auf mit allen "Lobesodolen" aus Österreichs Schluchten! (DER STANDARD, Printausgabe, 18.7.2002)