Ich war nicht informiert", tönt es jetzt allerorten aus der FPÖ. Von der Sexaffäre um den Grazer FP-Politiker, der von zwei Frauen in einem Protokoll schwer belastet wird, will jetzt niemand mehr etwas gewusst haben. Mit zwei Ausnahmen: Staatssekretärin Mares Rossmann, die von den Frauen vor vier Jahren ins Vertrauen gezogen wurde, und der seinerzeitige Infrastrukturminister und Landesparteichef Michael Schmid. Beide behaupten: "Alle haben es gewusst." Mit "alle" muss auch der damalige Parteichef Jörg Haider gemeint sein, ebenso der Grazer Vizebürgermeister Peter Weinmeister und natürlich auch Vizekanzlerin Susanne Riess-Passer. Alle drei bedauern aber im Chor: "Leider nichts gewusst." Sonderbar.

Es kann sich nur um eine kollektive Bewusstseinstrübung handeln. Riess-Passer hat dem Vernehmen nach sogar die Kopie des Protokolls erhalten, zudem hatte sie engen Kontakt zu Mares Rossmann, die wiederum auch zu Jörg Haider ein freundschaftliches Verhältnis pflegt. Und dem Grazer Stadtchef Weinmeister soll, ohne ihn über die wahren Hintergründe zu informieren, seinerzeit sein Stadtrat, der jetzt Beschuldigte, abgezogen worden sein? Man habe die Frauen nur schützen wollen, rechtfertigt Exminister Schmid die Vertuschungsaktion. Mehr wohl die eigene Partei, die damals noch von Wahlsieg zu Wahlsieg geeilt war. Mit dem Banner der Sauberkeitspartei in der Höhe. Das Auffliegen der ungustiösen Sexaffäre um ein prominentes Parteimitglied hätte sich sicher nicht gut gemacht.

Das Ganze passt lückenlos zu den Affären um Reinhart Gaugg und Ewald Stadler, letztlich zu den skurrilen Blüten wie der Grazer Bürgerwehr. Und zum Befund, dass die FPÖ auf dem besten Weg ist, sich von ihrem Selbstbild als Partei der tugendhaften Untouchables zur Karikatur ihrer selbst zu wandeln. (DER STANDARD, Printausgabe, 18.7.2002)