Wäre in Deutschland nicht im September Bundestagswahl, würde Ron Sommer noch Chef der Deutschen Telekom sein. Es ist dem bevorstehenden Urnengang geschuldet, dass sich Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) bemüßigt sah, sich als Retter der knapp drei Millionen Kleinaktionäre aufzuspielen. Das ist gründlich schief gegangen, auch wenn Schröder selbst den Führungswechsel begrüßte. Es gibt nur Verlierer, keine Gewinner: Ron Sommer ist ein Bauernopfer, sein Nachfolger Helmut Sihler schon angesichts des Alters von 72 Jahren nur eine Interimslösung. Die Aufarbeitung der Probleme wurde nur vertagt, aber nicht in Angriff genommen.Aber auch die Attacken der Opposition sind heuchlerisch. Denn Kanzlerkandidat Edmund Stoiber forderte Schröder öffentlich zum Handeln auf, um ihn jetzt genau für sein Einschreiten zu kritisieren. Aber es ist schon bemerkenswert, wie Schröder, der sich gerne als "Genosse der Bosse" titulieren lässt, in Wahlkampfzeiten auf das Mittel staatlicher Intervention zurückgreift. Im Landtagswahlkampf 1998 übernahm Niedersachsen die Mehrheit an der Preussag Stahl AG, um es vor der angeblich "aggressiven Übernahme" durch die österreichische Voest zu schützen. Als Bundeskanzler setzte er 1999 insgesamt 125 Millionen Euro Steuermittel zur Rettung des Baukonzerns Holzmann ein, der heuer dennoch Konkurs anmelden musste. Auch der Medienkonzern Kirch ging trotz jahrelanger Unterstützung durch die bayerische Staatskanzlei Pleite, woran sich Kanzlerkandidat Stoiber nicht gerne erinnern lassen will. Die Politiker sollten der freien Marktwirtschaft nicht nur das Wort reden, sondern in Wahlkampfzeiten auch danach handeln. Mit ihrer Einmischung haben die Politiker dem Standort Deutschland Schaden zugefügt. (DER STANDARD, Printausgabe 18.7.2002)