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Grillen auf der Donauinsel

Foto: APA/Pfarrhofer Herbert
Wien - Acht Uhr früh: Unmengen von Stresshormonen sind bereits allerorten in Wien verschüttet worden. Vor derlei morgendlicher Unbill bleibt man auf des Wieners Lieblingshausstrand gefeit: Die Donauinsel liegt zu dieser Zeit wochentags noch fest in Morpheus' Armen. Nur Morgensportler, Gassigeher und Angler bevölkern vereinzelt die künstliche Insel. "Lauter Klumpert heut'", raunzt Herr Svetislav, der schon seit sechs Uhr, flankiert von seinem Pudel Snoopy, vor dem graufahlen Cineplexx Palace bei der Reichsbrücke stoisch nach zappelnden Hechten und Karpfen fischt. Die Regengüsse lassen den Küchengehilfen unbeeindruckt: Unter der Brücke lasse es sich schließlich ebenso gut angeln. Und überhaupt: "Bei diesem Wetter kreu'n weniger Leut' umadum", was ihm ganz zupass komme. Herr Karl, der nonchalant in Badeschlapfen über die Kaisermühlenbrücke promeniert, wähnt sich gegen jegliche Wetterkapriolen auf "seiner" Insel gewappnet: "Der Reg'n und die Hitz'n moch'n ma nix, i bin jo a Kaisermühlner", so der Pensionist. Ähnlich wetterfest gibt sich der muskelbepackte Herr Toni, der täglich mit seinen Rollerblades über die Donauinsel rollt. "Einfach leiwand", schwärmt er, ihm sei das unstete Inselwetter "powidl". Bei Frau Alexandra und Herrn Leopold, deren Schäferhündin Nora sich quirlig in der Donau suhlt, will dagegen kein rechter Frohsinn ob des unbeständigen Wetters aufkommen. Bei Sonnenschein sei die Donauinsel "halt schon adretter". "Die Leute haben ständig Angst, dass es regnet", klagt Frau Erika vom Wasserski-Lift über Einbußen bei der Gästeschaft. Die Wetterprognosen seien schlicht "kriminell", lässt sie an den Meteorologen kein gutes Haar. Herr Pesche, Betreiber eines Radverleihs, sieht das ähnlich: "Wenn das Radio schlechtes Wetter meldet, kommt der Wiener nicht raus", weiß der Schweizer über das Freizeitpsychogramm der Wiener Bescheid. Optimismus verströmt stattdessen Herr Niki, Fischlokalbetreiber in der Sunken City: "Unsere Stammkunden kommen bei jedem Wetter." Zu Mittag trudeln schön langsam die ersten Gäste auf der Copa Cagrana ein. Techno-Rhythmen und knallige Sonnendekorationen sollen die Wiener ihr widerborstiges Wetter im Nu vergessen lassen. Der ägyptische Eisverkäufer Habibi bleibt realistisch: "Wetter ist ganz schlecht für Geschäft." Kommendes Wochenende sollen Temperaturen zwischen 24 und 30 Grad wieder für Badewetter sorgen und, wie jedes Wochenende, rund 300.000 Insulaner anlocken. Frau Erika hätte an solchen Vorhersagen aber sicher ihre Zweifel. (Stefan Maier/DER STANDARD, Printausgabe 18.07.2002)