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Foto: Archiv
Manches wirkt bis heute und spiegelt sich in aktuellen Diskussionen wider. Wie etwa die Ausarbeitung des Begriffes "Gegenwunsch" oder das Konzept des "Ödipuskomplexes". Es ist ein Klassiker und also wie so viele Standardwerke eines der meistverkauften und gleichzeitig ungelesensten Bücher. Verblüffend ist aber, dass die "Traumdeutung" zwar als Gründungstext der psychoanalytischen Bewegung gilt und vielfach interpretiert wurde - die Entstehungsgeschichte des Werkes aber weitgehend unbeachtet blieb. Lydia Marinelli, wissenschaftliche Kuratorin des Sigmund-Freud-Museums in Wien, bleib es vorbehalten, mit Andreas Mayer die Entstehungsgeschichte der "Traumdeutung" aufzuarbeiten. Marinelli und Mayer zeigen auf, wie Freud - und seine Schüler - ab der Erstausgabe immer wieder auf neue Entwicklungen und Diskussionen reagierten. Über acht Auflagen hinweg wurde der Text immer wieder adaptiert, in permanenter Wechselwirkung zwischen Anhängern, Kritikern, Kollegen und Patienten. Die "Traumdeutung" als dynamischer und umstrittener Prozess, der auch in den jeweiligen Stadien der Entwicklung verschiedene Funktionen einnahm. Bis Freud das Werk schließlich selbst historisierte und meinte, es habe "seine Aufgabe erledigt". Nach dieser Lektüre ist jedenfalls verständlich, warum ein Zitat Freuds damals wie heute noch Gültigkeit hat: Es sei schwer, die Psychoanalyse "als Vereinzelter zu treiben. Es ist ein exquisit geselliges Unternehmen. Es wäre doch viel schöner, wir brüllten oder heulten alle miteinander im Chor und im Takt, anstatt dass jeder in seinem Winkel vor sich hin murrt." (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 18. 7. 2002)