Mehr als 50 Menschen starben im vergangenen Jahr, bis sich der deutsche Pharmakonzern Bayer am 8. August 2001 entschloss, seinen Cholesterinsenker "Lipobay" radikal vom Markt zu nehmen. Das Unternehmen hat seitdem mit Sammelklagen zu tun, die Bayer-Aktie sackte um 18 Prozent ab, der Gewinn brach um fast eine Milliarde Euro ein, und auf dem Medikament schien für alle Zeit ein Bann zu liegen. Die tödlichen Nebenwirkungen, so weiß man heute nach Obduktionen, entstanden durch das im Präparat "Lipobay" enthaltene Cerivastatin. Es führt zum Zerfall ganzer Muskelpartien, die Abfallprodukte wandern durch den Körper und lagern sich ab, bis es zum Nierenversagen kommt. Allerdings nur, wenn die Patienten eine zweite Substanz gleichzeitig einnehmen, Gemfibrozil, ebenfalls ein Blutfettsenker. Die Kombination beider Wirkstoffe führte bei den Betroffenen in Spanien und den USA nachweislich zum Kollaps. Cerivastatin gehört zur Gruppe der Statine, die nicht grundsätzlich verteufelt werden sollten. In der Juliausgabe der renommierten Medizinfachzeitschrift Lancet wurde die britische Heart Protection Study (HPS) veröffentlicht. Sie belegt, dass Statine zahlreiche Menschen der Risikogruppen vor Herzinfarkt und Schlaganfall bewahren könnten. Mehr als fünf Jahre lang wurden über 20.000 Patienten untersucht, die an Gefäßverkalkung litten oder an Diabetes erkrankt waren. Die Hälfte der Probanden erhielt das Präparat Simvastatin (ein ähnlicher Wirkstoff wie Cerivastatin), die andere ein Placebo. Die Gruppe der Simvastatin-Empfänger schnitt deutlich besser ab: Ihr Risiko wurde durch die regelmäßige Einnahme um mehr als ein Drittel herabgesetzt. Statine helfen, den LDL-Cholesterinspiegel im Blut herunterzufahren. So wird der Arteriosklerose, der Verkalkung von Gefäßen, vorgebeugt. Das schädliche Cholesterin lagert sich bekanntlich in den Arterien ab, wird zur Plaque, die Gefäße verschließt - was zu Herzinfarkt oder Schlaganfall führt. Statine blockieren das Enzym in der Leber, das Cholesterin herstellt. Die gefäßerweiternde Wirkung von Statinen ist ebenfalls nachgewiesen. Auch wird vermutet, dass sie Entzündungen hemmen und Plaque zersetzen. Würden alle Risikopatienten, so die britische Studie, mit Statinen behandelt, speziell mit Simvastatin, könnten viele von ihnen mit einer deutlich längeren Lebensdauer rechnen. Zur Risikogruppe gehört in Österreich etwa jeder fünfte Mann zwischen 40 und 65 Jahren. Zwei Euro täglich Doch die Krankenkassen sind zögerlich, denn die Behandlung mit Statinen ist relativ teuer - die nötige Tagesration Simvastatin etwa kostet mehr als zwei Euro. Der deutsche Kardiologe Helmut Gohlke vom Herzzentrum Bad Krozingen hat jedoch hochgerechnet, dass die Krankenkassen aufgrund von Ersparnissen bei den Folgekosten mittelfristig profitieren würden. Zudem sollen Statine im kom- menden Jahr billiger abgegeben werden. Wenn sich die Riesen der Pharmabranche erst der blutfettsenkenden Mittel annehmen werden, um sie in größerem Maßstab zu verbreiten - etwa wie Aspirin -, ist mit einem weiteren Preisrückgang zu rechnen. Derzeit werden weltweit mit Cholesterinblockern etwa 17 Mrd. Dollar Umsatz gemacht. (Roland Mischke/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 18. 7. 2002)