Genua/Rom - Um 17.27 Uhr heulen im Hafen von Genua die Sirenen. Unzählige Luftballons steigen in den Himmel, Zehntausende legen sich auf den Asphalt. Für Minuten herrscht Stille. Dann brandet endloser Applaus auf. Er gilt dem Studenten Carlo Giuliani, der vor einem Jahr hier von Polizisten erschossen wurde. Bilder von brennenden Autos und Geschäften, randalierenden Demonstranten und knüppelnden Polizisten schockierten damals die Welt.Ein Jahr später ist die Stimmung in Genua friedlich. Mehr als 100.000 (nach Aussagen der Veranstalter 200.000) jugendliche Globalisierungskritiker sind gekommen. Viele tragen den Abschiedsgruß auf ihren T-Shirts: Ciao, Carlo. In einem Meer von Blumen und Luftballons ist das Gedränge auf der Piazza Alimonda beängstigend. Die Eltern und die Schwester von Carlo Giuliani haben dazu aufgerufen, den Gedenktag nicht durch Gewalt zu trüben. Jetzt sitzen sie inmitten unzähliger Fotos ihres Sohnes, schütteln Hände und nehmen Blumen entgegen. Sergio Cofferati, der Chef der größten Gewerkschaft CGIL, wird mit Applaus empfangen. Luciano Violante, Fraktionschef der oppositionellen Linksdemokraten in der Abgeordnetenkammer, wird gnadenlos ausgepfiffen. "Wo warst du vor einem Jahr?", fragen ihn erregte Demonstranten. "Wir haben einen Fehler begangen, und dafür müssen wir bezahlen", gesteht Violante. Polizei übt sich in Zurückhaltung Auch die Polizei hat dazugelernt: Sie erscheint ohne Nahkampfausrüstung und Tränengas und begleitet die Demonstranten mit auffälliger Zurückhaltung in kleinen Gruppen. In Sprechchören fordern die Jugendlichen Aufklärung über die Ereignisse beim Weltwirtschaftsgipfel. Denn ein Jahr danach sind die meisten Fragen weiter unbeantwortet. 41 Geschäfte, 34 Bankfilialen, neun Büros und 83 Autos wurden demoliert, 108 Polizisten, 224 Demonstranten und zehn Journalisten verletzt. Kein einziger Verantwortlicher wurde bisher zur Rechenschaft gezogen. Die drei abgesetzten Polizeifunktionäre bekleiden nach wie vor hohe Posten. Ungeklärt ist, wer den blutigen Angriff der Polizei auf die Diaz-Kaserne anordnete und wer für die verfehlte Strategie gegen die gewalttätigen "Black Block"-Randalierer verantwortlich war. Die Polizei musste zuletzt zugeben, die angeblich bei Demonstranten beschlagnahmten Molotow-Cocktails selbst hergestellt zu haben. Der Polizist Mario Placanica, dem der Tod von Carlo Giuliani zur Last gelegt wird, änderte am Samstag seine Version. Er habe in die Luft geschossen. Man benütze ihn, um die Verantwortung anderer zu decken. Seit einem Jahr ermitteln die Staatsanwälte gegen 465 Demonstranten und 117 Polizeibeamte. "Wir fordern die ganze Wahrheit", sagt Carlo Giulianis Vater vor den Fernsehkameras. Immer mehr Italiener zweifeln, ob es jemals dazu kommen wird. (Gerhard Mumelter/DER STANDARD, Printausgabe, 22.7.2002)