Die Ereignisse überschlugen sich am Donnerstag in Berlin: Um 15.36 Uhr trat Bundeskanzler Gerhard Schröder vor die Presse in der SPD-Parteizentrale und verkündete: "Ich werde den Herrn Bundespräsidenten bitten, Rudolf Scharping als Verteidigungsminister zu entlassen. Die notwendige Basis für eine gemeinsame Arbeit in der Bundesregierung ist meiner Auffassung nach nicht mehr gegeben. Ich werde den Bundespräsidenten bitten, Peter Struck zu ernennen." Dies sei mit dem Vizekanzler Joschka Fischer abgesprochen.Bis zuletzt hatte sich Scharping gegen eine Ablöse gewehrt. Wegen "so einer Geschichte" gehe er doch nicht, erklärte Scharping. Gemeint war der Bericht in dem am gleichen Tag erschienenen Magazin Stern. Demnach erhielt Scharping auf einem eigens dafür eingerichteten Konto rund 70.000 Euro in den Jahren 1998 und 1999 vom PR- Berater Moritz Hunzinger. Als Minister darf er aber keine weiteren Einkünfte beziehen. Außerdem tauchte eine Rechnung auf, wonach sich der Minister in Begleitung seines Beraters für mehr als 25.000 Euro neu einkleiden ließ. Es nützte auch nichts, dass sich Scharping via Bild-Zeitung gegen die Vorwürfe wehrte und versicherte, die Honorare seien "ordentlich dem Finanzamt erklärt und versteuert worden". Die Zahlungen seien für Vorträge vor seiner Ministerzeit und außerdem 40.000 Euro als Vorschuss für Memoiren. Belege blieb Scharping indes ebenso schuldig wie die Antwort auf die Frage, warum sein PR-Berater Vollmacht über sein Konto hat. Erklärungsversuche steuerte auch PR-Berater Hunzinger bei, der in Interviews Journalisten beschimpfte und darauf hinwies, dass das Material von einem von ihm entlassenen Mitarbeiter gegen Bezahlung angeboten worden sei. Hunzinger versuchte auch noch, Werbung für sein Unternehmen zu machen. Als zu Mittag Sondersitzungen des SPD-Präsidiums und des geschäftsführenden Fraktionsvorstandes einberufen wurden und eine Pressekonferenz von Scharping verschoben wurde, war klar, dass die Würfel gefallen sind. Auch Schröder brach seinen Urlaub in Hannover ab. Mit Struck hat Schröder einen treuen Gefolgsmann nominiert. Der 59-jährige bärbeißige Motorradfreak bringt ein großes innerparteiliches Gewicht mit, ist aber kein ausgewiesener Verteidigungspolitiker. Als Nachfolger für Struck wurden am Donnerstagnachmittag Wilhelm Schmidt, der parlamentarische Geschäftsführer, und SPD-Bundesgeschäftsführer Franz Müntefering gehandelt. Politiker von CDU/CSU bezeichneten Scharpings Rücktritt als "längst überfällig". Kanzlerkandidat Edmund Stoiber kritisierte Schröders Krisenmanagement. FDP-Chef Guido Westerwelle sagte, "Rot-Grün taumelt zur Wahl wie ein angeschlagener Boxer". (DER STANDARD, Printausgabe, 19.07.2002)