Foto: Suhrkamp
Die bei Suhrkamp erstmals komplett edierten Schriften des Stabsschreibers Felix Hartlaub zeichnen das Bild einer Generation von Kriegsmitläufern. Frankfurt/M. - Die Sprache, in welcher das Oberkommando der Wehrmacht bis 1945 sein Kriegstagebuch abfasste, lässt sich zuweilen mit Anleitungen zu nutzbringender Gartenarbeit verwechseln. Die Abdichtung leck geschlagener Rohrleitungen kommt einem beim Nachlesen dieser papiertrockenen Lageberichte in den Sinn, oder die penible Verzeichnung von Löscharbeiten. Unter Okkupation stehende Gebiete werden da "mit Banden überschwemmt". Der "Hauptherd" muss aus der Front "herausgebrochen" werden, wie ein besonders mürbes Stück aus wehrbäuerlicher Ackerscholle - die Autoren dieser zur Nüchternheit angehaltenen, in Wahrheit aber zur Lüge verdammten Kriegsprosa sind in der Regel keine Parteigänger der Nazis. Sie führen sogar, wie der schöngeistige Romanist Felix Hartlaub (1913-1945), ein literarisches Journal. Während Hartlaub als Mitglied des "Wehrmachtsführungsstabes" tagsüber den zettelsammelnden Papierkrieger gibt, schreibt er in seinen Bunker-Mußestunden, ob in der Ukraine oder in Ostpreußen, impressionistische Prosa von bestürzender Klarheit. Ewiges Zaudern Dienstlich eingeklemmt zwischen Chargen und ewig lockenden "Stabshelferinnen", unter Kameraden als Klemmer und Zärtling verschrien, in eigener Kunstsache ein Zauderer, der ohne Ziel Fragmente aufhäuft, zündet Hartlaub in seinem literarischen Kompendium die flackernden Wunderkerzen einer an Bosch erinnernden Beschreibungsgewalt. Hartlaubs Prosa ist der unbewusste Vorgriff auf eine "bessere" Zukunft. Einen hinreichenden Begriff von Frieden, von einer fruchtbringenden Gesellschaftsordnung besitzt er nicht. Mit der ersten gründlichen Edition von Felix Hartlaubs Schriften ( In den eigenen Umriss gebannt , Kriegsaufzeichungen, literarische Fragmente und Briefe 1939 bis 1945, Suhrkamp) wird ein verdrängtes, aber auch unter Tonnen von Kriegsschutt begrabenes Kapitel deutschen Bewusstseins nachgebildet. Männer wie das zeichnende Wunderkind Hartlaub, dessen Vater in der Weimarer Republik als bedeutender Museumsleiter in Mannheim wirkte, der die Gleichschaltung anno '33 wie unter dem Glassturz des kunstschönen Scheins erlebte, sind die verlorene Stimme eines nach wie vor ungeklärten Sachverhalts. Spätes Klären Wie konnten die begabtesten Repräsentanten eines Kulturvolkes sich derart an ein verbrecherisches Regime veräußern? Dass den Deutschen "die Weltstunde geschlagen" habe - derartige Blüten verzeichnet auch Hartlaub in seinen halb fiktionalen Sittenbildzyklen, ohne mit der Wimper zu zucken. Kein Zweifel: Elitesoldaten wie Hartlaub waren über die Art der Partisanenbekämpfung und über den Terror gegen die Zivilbevölkerung umfassend in Kenntnis gesetzt. Hartlaubs Prosa, auch seine Briefkontakte mit Emigranten, strafen die eigene Reflexionsunfähigkeit oftmals Lügen. Skizzen wie die Stadtbeschreibungen von Paris zählen zum Besten, was die moderne deutsche Literatur vor Arno Schmidt hervorgebracht hat. Niemand wird fortan sagen können, dass nicht auch die Seite der "Täter" ihre überlieferungswürdigen Stimmen hervorgebracht habe. Und die rückblickende Begeisterung, die zeitgenössische Politiker mit Blick auf die "deutsche Kultur" so unverkennbar bläht, findet in diesen Zetteln eines früh Unvollendeten keinen Widerhall. Felix Hartlaub erlitt zuletzt das Schicksal eines Malers, der in seinem eigenen Bild verschwindet. Der Dichter ist im Mai '45 auf dem Weg in eine Kaserne in Berlin-Spandau für immer verschollen. (DER STANDARD, Printausgabe, 19.7.2002)