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Viel Hoffnung, wenig Änderung: Mohammed VI. regiert seit 1999 das Königreich Marokko.

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Wien/Rabat - Warum hat Marokko ausgerechnet jetzt eine Auseinandersetzung mit Spanien um eine unbewohnte Felseninsel gesucht und dabei die schnelle Niederlage riskiert? Wenn kaum ein Zweifel besteht, dass die kurzzeitige Besetzung der Petersil-Insel vor einer Woche von Marokkos König Mohammed VI. persönlich angeordnet wurde, so sind die Hintergründe einer verblüffend unprofessionell ausgeführten Militäroperation (das marokkanische Kommando hatte offenbar nicht einmal ausreichende Wasservorräte) und Marokkos "exit strategy" - wie sollte die Krise enden? - schon sehr viel unklarer. Denkbar sind zwei Erklärungen: eine außenpolitische mit Blick auf die drängender gewordenen Streitfragen zwischen Marokko und Spanien und eine innenpolitische angesichts der Ernüchterung der Marokkaner nach drei Jahren unter Mohammed VI. und anstehenden Parlamentswahlen, bei denen der junge König die Modernisierung seines Regimes vorantreiben möchte. "Die Marokkaner wollten mit der Faust auf den Tisch schlagen, um eine ganze Reihe von Streitigkeiten wieder ans Tageslicht zu befördern", meinte der Politikwissenschafter und Mittelmeerspezialist Jean-Claude Santucci in einem Interview mit einer französischen Zeitung. Seit dem Abzug des marokkanischen Botschafters in Madrid vergangenen Oktober aus Protest gegen Äußerungen des damaligen spanischen Außenministers Josep Piqué, Marokko tue nicht genug, um illegale Immigranten abzuhalten, ist die Wut im nordafrikanischen Königreich nur gewachsen. Rabat habe nur auf einen Vorwand gewartet, glaubt Santucci. Die jüngsten Verhandlungen zwischen Spanien und Großbritannien über Gibraltar könnten ein solcher Vorwand gewesen sein, mit dem die Marokkaner nun zeigen wollten, dass auch sie territoriale Fragen mit Madrid offen haben - zuallererst die beiden spanischen Exklaven Ceuta und Melilla, aber ebenso die Westsahara, die Marokko seit dem Abzug der Spanier 1975 besetzt hält: Madrid habe ebenso wenig Recht, die Unabhängigkeitsbewegung Polisario zu unterstützen wie die Aufgabe der Insel Leila - die Petersil-Insel - zu verlangen. Doch wie einst sein Vater Hassan II. mit dem Einmarsch in die Westsahara wollte Mohammed VI. wohl mit dem Petersil-Streit die Untertanen hinter sich bringen. Die blicken auf eine gemischte Bilanz seiner ersten Thronjahre zurück: Das Klima der Repression hat sich gewandelt, doch die Regierung des einstigen Oppositionsführers Youssoufi gilt als wenig dynamisch. An Massenarbeitslosigkeit und Perspektivlosigkeit der überwiegend jungen Bevölkerung hat sich zudem nichts geändert. (Markus Bernath/DER STANDARD, Printausgabe, 19.07.2002)