Graz - "In Deutschland dürfen Lesben heiraten, in Graz dürfen wir nicht mal Bücher lesbischen Inhalts in unbeschränkter Zahl bestellen." Brigitte B. ist verärgert. Seit Monaten machte sie mit ihrer Bekannten, Beate F., Gebrauch vom so genannten Wunschbuch der Steiermärkischen Landesbibliothek. Die in diesem Buch von Bibliotheksbenutzern eingetragenen Buchtitel werden bei Ankäufen berücksichtigt. Frau B. und Frau F. wünschten sich bisher rund 50 Titel - darunter auch lesbische Literatur. Vergangenen Mittwoch sollte ein E-Mail, das im Auftrag der Bibliotheksleitung an Frau B. geschickt wurde, diesen Wünschen jedoch Einhalt gebieten. Bibliotheksdirektor Franz Joseph Desput ließ ausrichten, dass "zu viele Bücher, angeblich lesbische Literatur", bestellt wurden. Frau B. zum S TANDARD : "In der Bibliothek sagte man, dass es weder quantitative noch inhaltliche Beschränkungen gebe." "Die gibt es schon", meint dazu Desput, denn er habe mit einem seit 1979 nicht erhöhten Jahresbudget von 131.000 Euro hauszuhalten. "Wir haben bereits 30 Bücher ihrer Wunschliste bestellt", argumentiert Desput weiter. Diskriminierung könne er keine sehen. Desput: "Wünschen kann man sich viel, aber alles können wir nicht ankaufen." Außerdem stehe man in Graz mit 151 Titeln zum Thema Frauenemanzipation doch wirklich gut da. Gefragt, ob für ihn die Themenbereiche Emanzipation und Lesben ident wären, meint der Bibliothekschef: "Ja, das läuft unter dem gleichen Titel." Frau B. will sich weiterhin im Wunschbuch eintragen, da sie überzeugt ist, dass ihre Vorschläge eine Vielzahl von Leserinnen interessieren: "Im Bestand der Bibliothek gibt es 18 Bücher vom Lesben- und Frauenverlag Krug & Schadenberg, 13 davon waren am Montag entlehnt." (DER STANDARD, Printausgabe, 19.7.2002)