Diese Reise war gleich unglaubwürdig: Vom Café Sperl, das bis heute an Sonntagen spät öffnet, durch die Goethegasse zur Oper, wo die Badener Bahn und die Linie 62 halbwegs nach Süden fuhren, die Badener Bahn rasch und gezielt, die Linie 62 kam langsamer in Fahrt. Ihr Zögern war auch für den leichter zu begreifen, der es darauf anlegte, schwer zu begreifen und dem Glück nicht zu trauen. So entstand ein Konsens zwischen den Verkehrsbetrieben und den verborgenen Wünschen, die Straßenbahn gab dem Glück die nötige Zeit. Das Ziel, die Jägerhausgasse in Hietzing, war zu kurz für das Glück, nur fünf Häuser, nur zwei Jahre. Die älteste Schwester unserer Mutter hatte mit den Ersparnissen, die sie aus ihrer Arbeit als Fremdsprachenkorrespondentin bei den "Veitschen Magnesitwerken" am Schwarzenbergplatz bezog, knapp vor Hitlers Einmarsch in der Jägerhausstraße eine kleine Wohnung gemietet, um dort mit unserer Großmutter zu leben. An der Schlossparkmauer und dem Hetzendorfer Lichtspiel-Theater vorbei (auch eines der frühesten) zur Jägerhausgasse 21, ihrem ersten Haus: drei Stufen aus dem Vorgarten hinunter, ein unauffälliges Ziel unter dem Hetzendorfer Himmel. Die beiden Jahre, die unsere Großmutter dort wohnte, blieben für sich, kein Schatten einer Zukunft. Die gestundete Zeit Die Vermieterin in dem Siedlungshaus hieß Weber und stellte keine Fragen, keine nach "arisch" oder nicht, kein ausgestreckter Finger, begleitet vom Satz: "Das sind Juden." Ich erinnere mich an ihren Blick: Er ließ jeden für sich und ging doch wie der von Stan Laurel quer durch ihr Gegenüber, auf die Gasse hinaus und quer hinüber zur Rosenkranz-Kirche. Deren Uhr gab den Augenblick an: 17 Uhr 15, unausdenkbar wie sie selbst. Das Foto dieser Kirche im Band "Meidling" des Album-Verlags ist aus dem Jahr 1912. Die Rosenkranz-Kirche hielt nicht den Atem an, als die Titanic unterging. Sie blieb nur einfach stehen. Kaum zu glauben, wie dieses Ungetüm aus der Erinnerung taucht. Von dem Haus in der Jägerhausgasse sah man quer über die Felder. Die milderten den Anblick. Aber vor allem half der Blickpunkt: die fünf Häuser der Jägerhausgasse hinter dem Hetzendorfer Schloss. Eins davon, das erste, hält bis heute eine Hetzjagd auf, die nicht erst 1938 begann. Dort wohnte Frau Weber, die Frau eines Straßenbahnfahrers, mit ihrer elfjährigen Tochter. Die Wohnung darunter und den Garten überließ sie, ohne viel zu fragen, unserer Großmutter. Der Blick auf sie in diesem kleinen Garten an Sonntagnachmittagen zeigte sie glücklich. Ihr Haar war weiß, ihre Bewegungen sanft, ihre Angst und Ausgesetztheit kleiner, zweimal zwei Jahre blieben bis zur Deportation. Von dem Haus in der Jägerhausgasse, von Frau Weber und ihrer elfjährigen Tochter blieben nach einem der letzten Luftangriffe nur das Grundstück an der Schlossmauer und der Schutt übrig, der inzwischen aufgeräumt ist. (DER STANDARD, Printausgabe, 19.7.2002)