Rom - Tausende Personen haben am Freitag im Zentrum von Palermo des vor zehn Jahren ermordeten Mafia-Jägers Paolo Borsellino gedacht. Auf der Via D'Amelio, der Straße, auf der Borsellino und fünf seiner Leibwächter durch einen Sprengstoffanschlag ermordet wurden, legten Freunde und Kollegen des Staatsanwalts sowie Dutzende Bürger Blumensträuße nieder. "Palermo gedenkt heute der dunkelsten Phase seines Kampfes gegen die Mafia", stand auf einem ausgerollten Spruchband vor jenem Haus zu lesen, vor dem Borsellino in die Luft gesprengt wurde. Justizminister Roberto Castelli und Vizepremier Gianfranco Fini eröffneten eine Borsellino gewidmete Veranstaltung. In Erinnerung an Borsellino, der mit seinem ebenfalls im Jahr 1992 ermordeten Kollegen Giovanni Falcone zu einem Symbol des Kampfs gegen die "Krake" Mafia geworden ist, finden an diesem Wochenende in ganz Italien zahlreiche Gedenkfeiern statt. "Borsellino ist ein Held der Republik, sein Kampf hat Millionen von Sizilianern Hoffnung auf eine bessere Zukunft gegeben", sagte der Mafia-Experte und Fraktionschef der Linksdemokraten im römischen Parlament, Luciano Violante. Borsellino, der 52-jährig starb, bemühte sich, die internationalen Verbindungen der Cosa Nostra aufzudecken. Eine entscheidende Rolle spielte er beim Aufbau des so genannten Anti-Mafia-Pools, einer Gruppe von Staatsanwälten, die Mitte der achtziger Jahre große Erfolge im Kampf gegen das organisierte Verbrechen verzeichnen konnte. Die Ermordung Falcones und Borsellinos markierte in Italien einen Wendepunkt in der Haltung der Bevölkerung zur Mafia. Hunderttausende demonstrierten unmittelbar nach Borsellinos Tod in den Straßen Palermos. Viele Sizilianer brachen ihr Schweigen und bekannten sich offen gegen die Mafia. Erpresste Geschäftsleute wehrten sich zunehmend, Zwangsgelder an die Organisation zu zahlen. Einige von ihnen mussten dies mit ihrem Leben bezahlen. Kurz nach Borsellinos Mord wurde eine neue Anti-Mafia-Gesetzgebung verabschiedet, die abtrünnigen Mafiosi beträchtliche Strafmilderungen garantierte. Dank der Kooperation reuiger Kronzeugen konnten die italienischen Behörden in den Jahren nach der Ermordung des Staatsanwalts wichtige Erfolge im Kampf gegen die Cosa Nostra erzielen. Entscheidend erwies sich im Jänner 1993 die Verhaftung von Toto Riina, der Nummer eins der sizilianischen Mafia, der wegen Falcones Mord zu lebenslänglicher Haft verurteilt wurde. Lebenslänglich hinter Gittern sitzt auch der Mafia-Boss Giovanni Brusca. Er hatte den Auslöser der Bombe gedrückt, der in Capaci den Mafiajäger ermordete. "Borsellino verbuchte im Kampf gegen die Mafia enorme Erfolge, die die Geschichte Siziliens verändert haben", betonte der Ex-Oberstaatsanwalt von Palermo, Giancarlo Caselli. Er forderte die italienische Regierung auf, im Kampf gegen die Mafia nicht nachzulassen. "Falcone und Borsellino waren zwei große Beispiele für all jene, die täglich gegen die Mafia in Palermo kämpfen. Sie sind für uns ein Ansporn, täglich unsere Pflicht zu erfüllen", mahnte der Staatsanwalt von Palermo, Pietro Grasso. (APA)