Standard: Manches ist von Ihnen auf den Weg gebracht worden, manches Theaterproblem harrt seiner Bearbeitung. Wo sehen Sie Handlungsbedarf? Mailath-Pokorny :Wir haben nicht nur keine Diskussionen über Schließungen aus budgetären Gründen, sondern im Grunde eine Diskussion, wie man das Angebot der darstellenden Kunst erweitern kann. Die Vereinigten Bühnen machen in den nächsten fünf Jahren einen Strukturwandel durch - an dessen Ende eine Erweiterung des Angebots steht. Die Umwandlung des Theaters an der Wien in ein Opern- und Festspielhaus, die Umwidmung des Raimundtheaters und des Ronachers in urbane Unterhaltungstheater ist eine grundlegende Entscheidung der Stadtregierung. Das Mozart-Jahr 2006 ist gleichzeitig ein Pilotbetriebsjahr für das Theater an der Wien. Es geht ja nicht nur um die Entscheidung: "Ha, da wird jetzt mehr Oper gespielt!" Wir werden uns auch im Volkstheater, wie überall, wo Neubesetzungen vorzunehmen sind, grundsätzlich die Frage stellen: Welche Aufgabe hat das Haus? Wie sieht das Publikum aus? Womit will man es hereinholen? Der bildungsbürgerliche Theaterbegriff wird zunehmend infrage gestellt werden. Die Antwort kann womöglich in einer zurückgenommenen, puritanischen Form liegen oder in etwas, dessen Form wir noch nicht kennen. Standard : Die Neubesetzung der Volkstheaterdirektion wird nicht ohne die Frage nach der kommunalen Sendung des Hauses vorgenommen werden können. Wer sagt eigentlich, dass man im Schatten der Burg ein zweites Repertoiretheater betreiben muss? Mailath-Pokorny : Man tut dem Volkstheater Unrecht, wenn man jeden zweiten Satz beginnt mit: "Die Burg . . ." Das Haus hat vieles von dem initiiert, wovon auch die Burg profitierte. Wenn es eine der Leistungen Claus Peymanns war, dass er österreichische Autoren mit Uraufführungen populär gemacht hat, dann darf man nicht vergessen: Am Anfang dieser Entwicklung stand das Volkstheater. Und damit hat das Haus eine Leistung erbracht, die es zumindest in diesen Belangen über die Burg stellt. Das erforderliche Leitbild, Klassiker zu spielen, Österreicher zu spielen und Zeitgenössisches in einen guten Mix zu nehmen, funktioniert - mit Auf und Abs. Man wird sich eine Weiterentwicklung überlegen müssen. Die Aufgabe des Hauses könnte in Zukunft durchaus verstärkt darin liegen zu fragen: Wie fordere ich ein Publikum, das ich vom Fernsehen wegbringen will? Wie werde ich für den Alltag gefordert? Das drängt nicht, weil ich doch sehr hoffe, dass die Frau Direktor ihre Option auf ein weiteres Jahr bis 2005 wahrnimmt. Standard : Wann wird das vom Stiftungsrat beschlossen? Mailath-Pokorny : Ich bin froh, dass das Volkstheater, im Gegensatz zur Josefstadt, sehr geklärte Entscheidungsstrukturen hat. Daher bin ich überzeugt, dass das bald geschieht. Standard : Und man eine amikal-einvernehmliche Lösung der Nachfolgefrage anstrebt? Mailath-Pokorny : Ja, das ist ein schöner Ausdruck. Standard : Wird man die Frage der Verlängerung von Dreijahresverträgen im Mittelbühnenbereich künftig wagemutiger angehen? Mailath-Pokorny : Wir sind dabei, "rollierende" Dreijahresverträge einzuführen. Damit wir nicht von einem Zyklus in den nächsten fallen, sondern die Idee der Kontinuität ernst nehmen - und von Jahr zu Jahr auf drei Jahre verlängern. Oder man sagt, wir ziehen uns als Subventionsgeber ganz einfach zurück. Standard : Ist es Theaterhaudegen nicht auch zumutbar, sich am freien Markt zu behaupten? Mailath-Pokorny: Es ist nicht unsere Absicht, Sozialfälle zu kreieren. Das hat so einen Unterton: Als müsste sich irgendwer anschnallen. Da bin ich dagegen. Es geht einzig um die künstlerische Qualität: Wenn die nachlässt, und da haben die Betroffenen eine hohe Sensibilität im Erkennen, dann wird man sich Konsequenzen überlegen. Standard :Den Rabenhof hat man dazubekommen: Der startete erfolgreich. Nun beklagt man in Erdberg die Nichtgewährung einer Investitionssubvention. Mailath-Pokorny : Der Rabenhof hat, entgegen allen Unkenrufen, eine sehr gute Entwicklung genommen. So etwas wie dieses Theater gab es in Wien vorher nicht. Dass sich das betriebswirtschaftlich und organisatorisch einspielen muss, ist auch klar - wenn es sich denn jemals einspielen kann. Da muss man sich dann auch überlegen, ob der Mitteleinsatz stimmt. Das wird man sich sehr genau anschauen. Standard : Der Umbau des Förderungssystems der Freien steht jedenfalls an? Mailath-Pokorny : Natürlich machen wir uns, wie der Standard berichtete, intern Gedanken und erstellen Ist- Analysen. Wenn die Burg und das Volkstheater in die U- Bahn-Schächte gehen, wird man keine neuen Spielstätten erobern können. Rasend viel Platz besteht nicht mehr für aufregende Neuerungen, die decken auch die Festwochen mittlerweile ab. Man wird Innovationen auch gemeinsam mit dem Theaterbeirat, weil ich das so versprochen habe, diskutieren. Die Fördermittel in Höhe von 5,2 Millionen Euro für die Freien wird es auch in Zukunft geben. Die Detailentwicklungen: Ob Freie sich etablieren können, muss man im Einzelfall prüfen. Es gibt verschiedene Modelle, die für mich denkbar sind. Und darunter befindet sich auch das Kuratorenmodell. (DER STANDARD, Printausgabe vom 20./21.7.2002)