Wien/Berlin/Brüssel - Der EU-weite Hormonskandal hat das Wort "bio" in aller Munde gebracht. Wenn auch so gar nicht im Sinne der Erzeuger: Am Freitag verklagte der Zusammenschluss deutscher Ökobauern Bioland e. V. die belgische Firma Bioland Liquid Sugars auf zehn Millionen Euro Schadenersatz - Bioland Liquid Sugars ist derzeit heftig als Verarbeiterin MPA-verseuchter Zuckerlösung aus Irland zu mindestens 15.000 Tonnen Tierfutter im Gespräch.Seit Aufdeckung der Hormonverschiebereien Anfang Juli seien bei der deutschen Öko-"Bioland" bereits Hunderte von Kundenanfragen eingegangen, begründete deren Vorsitzender Thomas Dosch den Gang vor Gericht. Von Journalisten urgierte er "einen Hinweis, dass diese Betrugsfirma in keiner Beziehung zum Verband der Biobauern in Deutschland steht": Aufgrund der Namensgleichheit drohe Vertrauensverlust - kurz nach Abflauen des Bio-Nitrofenskandals. Die mögliche Namensverwechslung stößt ins Zentrum des aktuellen Bio-Problems. Vertrauen - der Glaube der Kunden, dass "bio" drin ist, wo "bio" draufsteht - ist in der Ökobranche das zentrale Gut. Eines, das in Zukunft jedoch zunehmend von Zweifelkrisen abgelöst werden könnte: Immer größer wird die Branche - die Weltgesundheitsorganisation WHO geht von weltweit zehn Prozent Biolebensmittelanteil in 15 Jahren aus, heute ist es ein Prozent - und immer unüberschaubarer. 100 Prozent "bio" "Ich werde erstens mein Lager vergrößern und zweitens darauf bauen, dass ich meinen Kunden eine Garantie auf 100 Prozent ,bio' geben kann": So etwa will Toni Rosnak, Bioweizen-Körndlbauer aus dem Mittelburgenland, die kommenden Jahre bestehen. Jahre, die - wie er meint - von zunehmender Konkurrenz durch Ökogetreidelieferanten aus den EU-Beitrittsstaaten geprägt sein werden. Derzeit lukriert Rosnak - neben EU-Direktzahlungen - pro Kilo Bioweizen 0,33 Euro. Auf den großen Anbauflächen Ungarns lasse sich Bioweizen um die Hälfte produzieren, erläutert der Obmann des größten Biobauernzusammenschlusses Ernteverband, Johannes Tomic. Das Prinzip "Small is beautiful" gelte im Biogetreidebereich eben nicht - im Unterschied etwa zur Ökomilchproduktion. Außerdem komme es in Österreich ökoweizenmäßig immer wieder zu Unterproduktionen, weiß Tomic. Dann müsse Getreide importiert und dem heimischen beigemischt werden, um - wie Oskar Wawschinek von der staatlichen Agrarmarketingagentur Ama betont - "wichtige Marktsegmente wie Brot und Gebäck von ,ja! Natürlich' aufrechterhalten zu können". Beimengungen erlaubt Erlaubt seien Fremdbeimengungen bis zu 30 Prozent, wobei die Produkte - einer EU-Richtlinie folgend - dennoch das rot-weiße Ama-Austria-Biozeichen tragen dürfen. Doch Insiderkultur und Latzhosenimage gehören in der Ökolandwirtschaft ohnehin vergangenen Zeiten an. Das betonen vor allem die Bauernvertreter, deren Kontrollorganisation Austria Bio Garantie (ABG) wegen der angeblichen Nichtaufdeckung eines falschen Bioweizenimports aus Ungarn unter Beschuss steht (siehe Artikel rechts unten). Sie wollen sich aus einseitigen Abhängigkeiten befreien: Vor drei Jahren, so Herbert Allerstorfer vom Ernteverband, hätten dessen Mitglieder noch "zu 80 Prozent für die Billa-Biolinie ,ja! Natürlich' produziert. Nun habe man "massiv umgelenkt", in den Export und für den Großküchenbedarf. Aus den Supermärkten ist das Biogeschäft indes nicht mehr wegzudenken. Die Bio-und Wellness-Eigenmarken sind im Premiumpreissegment positioniert, wo an sich höhere Spannen möglich sind. Besonders stark sind sie bei Molkereiprodukten, aufholen will man seit Jahren auch im Bereich Fleisch. Insgesamt hat Rewe mittlerweile gut 350 "ja! Natürlich"-Produkte, Spar mehr als 130 mit dem "Natur*pur"-Label. Im April führte Rewe die neueste Kreation von Werner Lampert ein, die exklusiv geführte Functional-Food-Linie "Alpha Pan" - rund vierzig Artikel: Joghurts, Gesundheitsdrinks, Gebäck und Snacks, noch einmal rund 20 Prozent teurer als "ja! Natürlich". Biohandel expandiert Der Biomarkt hat in Österreich ein Gewicht von 240 Millionen Euro alleine im Handel, schätzt die Arge Biolandbau für 2002. Insgesamt sind es 320 Mio. Bis 2005 wird ein Ausbau auf 410 Millionen Euro prognostiziert. Ein Viertel geht in den Export, in drei Jahren sieht man die Quote bei mehr als einem Drittel. Den Löwenanteil schnappte sich bisher Rewe Austria (Billa, Merkur, Mondo, Bipa) mit der Marke "ja! Natürlich"). Der Konzern selbst gibt keine Zahlen bekannt, Experten wissen aber von rund 200 Mio. Euro. Konkurrent Spar ("Natur*pur") hält sich bei der Bekanntgabe von Zahlen ebenfalls zurück, der Rest wären rund 40 Millionen Euro. (Irene Brickner, Leo Szemeliker/DER STANDARD, Printausgabe 20./21.07.2002)