Im Zentrum der elektronischen medialen Macht zu arbeiten, sollte einen schon adeln, auch wenn man dabei nicht gerade reich wird. Immerhin kann man sehen, wie Kapital in Form von Prominentenstatus zirkuliert. So kommt man ins Sinnieren und möchte am liebsten Marx ergänzen und Nietzsche obendrein.

Heuer habe ich vermittels der Abteilung Religion im ORF bereits 259 EURO verdient. Dazu musste ich nur in Kambodscha 30 Minuten Filmmaterial einkaufen und füllen, eine Betacam-Kassette als Handgepäck, welches möglichst nicht gescannt werden soll, durch vier Flughäfen nach Wien bringen, die Bildsequenzen katalogisieren, einen Schnittplan schreiben, dann einen Sprechertext; schließlich wurde am Küniglberg geschnitten und vertont, geprüft und abgenommen. Obgleich das fertige Feature nur fünf Minuten dauert, brauchte es weit mehr als 100 Arbeitsstunden, also drei Stangen Benson & Hedges (ca. 100 EURO).

Für die komplette Arbeit zahlt der ORF pauschal zwar 1200 EURO, aber das Honorar muss mein Partner, der den Auftrag an Land gezogen hat, durch zwei teilen, versteuern, die Auslagen für den Kauf des Filmrohmaterials und sonstige Kosten abziehen. Als "freier Mitarbeiter" (genauer: chronisch Arbeitsloser) muss ich mich für einen angemessenDER STANDARD, Printausgabe vom 20./21.7.2002)en Zeitraum beim AMS aufgrund selbstständiger Einkünfte ab- und wieder anmelden und bekomme dann nochmals pro Tag mindestens 20 EURO von der monatlich angewiesenen "Notstandshilfe" (635 EURO) weniger ausbezahlt. (Seit 1972 bin ich, mit Personalnummer, freier ORF-Mitarbeiter, seit 1985 arbeitslos. Ebenso lang und vergeblich versuche ich den Status einer festen, dauerhaften Anstellung zu erreichen. Um im Spiel zu bleiben, muss ich jeder Aufforderung zu einer freien, meist stundenweisen Mitarbeit nachkommen. Aber das wird immer schwieriger. Als Off-Sprecher hätte ich theoretisch einen guten Stundenlohn (100 EURO). Bei Arbeitsbeginn im Sprecherstudio weiß jedoch niemand, wie lange die Aufnahme dauern wird und ob und wann wieder ein solcher Einsatz gewünscht wird. Dauert die Aufnahme länger als drei Stunden, bin ich über der gesetzlich gestatteten "Dazuverdienstgrenze". Das AMS streicht, obgleich ich nur drei Stunden tätig war, den ganzen Monat Notstandshilfe (minus 635 EURO), das Finanzamt aber verrechnet den Höchstsatz, am Monatsende bleiben, wenn ich angemeldet länger als 181 Minuten tätig bin, netto 180 statt lebenswerter 635 EURO).
Nun könnte ein aufmerksamer, ökonomisch denkender Leser, ein gewerkschaftlich geschützter Arbeitnehmer oder ein durch geltende Kollektivverträge gebundener Arbeitgeber die berechtigte Frage aufwerfen: Weshalb, wenn Sie von niemandem dazu gezwungen werden, machen Sie das?

Schon vor 150 Jahren hat Karl Marx in seinen Untersuchungen zum Kapital festgestellt, dass jede gesellschaftliche Arbeit in einen Mehrwert (Profit) mündet; aber Marx hat sich nur mit dem materiellen Aspekt der Arbeit beschäftigt. Heute, im postindustriellen Informationszeitalter, stehen Medienarbeiter und viele neue Berufsgruppen, die mit immaterieller Arbeit dealen, ganz woanders.

Im Medium Fernsehen wird ein arbeitendes Individuum per se ausgezeichnet, geadelt. Erst das mediale Erscheinen, die Präsenz in einer möglichst totalen und kollektiv rezipierten Bild-Ton-Sphäre leistet einen Mehrwert, die jede auch noch so banale Tätigkeit verdichtet, hervorhebt vor einem Hintergrund, den es noch zu bestimmen gilt (Beispiel: "Taxi Orange").

Prominenz ist das Ergebnis dieser Realitätsmetamorphose. Sloterdijk hat in "Sphären II" zu Recht darauf hingewiesen, dass zu den bekannten, aus der marxistischen Analyse kommenden Definitionen von Kapital (Geld und Ware) noch drei weitere hinzugerechnet werden müssen, um dem Medien- und Informationszeitalter gerecht zu bleiben: Text, Bild, und Prominenz. Nach der These der Akkumulation (Anhäufung, Vermehrung) liegt es auf der Hand, dass hauptsächlich Quantität (oftmaliges Erscheinen) für den Grad der Berühmtheit, unbestimmt weniger hingegen die Kategorie Qualität dafür verantwortlich ist.

Wenn Marx einen österreichischen Werkvertrag analysieren könnte und wüsste, wie viele Menschen relativ freiwillig eine Selbstausbeutung vornehmen, nur um in einem großen Medium zu erscheinen, müsste er das ganze "Kapital" umschreiben oder einen weiteren Band hinzufügen. Wenn Prominenz ein modernes Kapital ist, dann lässt es sich auch von einem Medium in ein anderes, in Geld, Kredit oder wertvolle Information, die Geldwert hat, tauschen.

Wahrscheinlich wird sich im virtuellen Raum Ähnliches ereignen, wie es mit der Erfindung des Buchdruckes und der etwa 250 Jahre später einsetzenden Alphabetisierung der Massen in Europa erfolgte. Jahrhunderte hindurch hatten die Klöster eine Vormachtstellung und das Monopol in allen geistigen Belangen. Als hermeneutische Informationszentren wurden sie aber, spätestens mit Einführung der allgemeinen Schulpflicht, bedeutungslos. Das Bedürfnis der Menschen nach neuen Gottheiten, nach Überhöhung, Differenzen, auch Mythologisierung ihrer eigenen, aktuellen Selbsterkenntnis ist davon nicht betroffen.

Unter denen, die im ORF professionell arbeiten, heißt der Ort, wo die magische Beschwörung von Zeitgeist zu Papiergeld vorgenommen wird, schlicht "der Berg". In einem katholischen Land wird so leicht eine Konnotation zu Tempel-, Götter-, Ölberg hergestellt. Wer immer "oben am Berg" arbeitet, ist dem Gipfel der gesellschaftlichen Macht eindeutig näher. Viele außerhalb des rot-weiß-roten Berg-Reiches Schuftenden stellen sich die Arbeits- und Entlohnungsstrukturen wie "im Weinberg des Herrn" vor. Immerhin wird den täglich auf Exkursion durchgeschleusten Schulklassen und deren Erziehern ein kleiner, gnostischer Anblick wirklicher Fernseh-Götter (Vera, Barbara Stöckl etc.) als Vorbereitung ins Berufsleben geboten.

EURO. Ein freundlicher Redakteur, der 50 mal im Jahr unter dem Titel "Religionen der Welt" sich ein neue Geschichte einfallen lassen soll, hat seine eigene Idee, eine Geschichte über Angkor Wat im fernen Kambodscha zu machen, zuerst an meinen Partner, dieser wiederum an mich delegiert.

Unverändert strahlt "der Berg" eine große Faszination aus. Auch topologisch kann jeder, der von Richtung Schönbrunn kommt und bergauf fährt, die zeitgerechte Macht fühlen, auch von außen beobachten. Alle werden von ihm angerufen, aber nicht jeder ist auserwählt.

Marx konnte sich nicht vorstellen, dass im Grunde jeder menschliche Körper, aber auch dessen abstrakte Derivate, etwa ein Name, akkumulierendes Kapital sein können, vorausgesetzt, dass Letzterer in einem gesellschaftlichen Kontext medial gelesen und verstanden wird. Niemand wird prominent geboren, erst das öffentlich-rechtliche Fernsehen macht ihn dazu.

Ein letztes, großes Versäumnis von Marx beinhaltet das von Nietzsche unter dem Titel "Menschliches, Allzumenschliches" und in mehr als 1000 Aphorismen vorgestellte Problem der realen, allgemein gültigen und nicht abstrakten gesellschaftlichen Zusammenhänge. Im Abschnitt 9, § 523, "Der Mensch mit sich allein", findet sich unter dem Titel "Geliebt sein wollen" der lapidare Satz: "Die Forderung, geliebt zu werden, ist die größte aller Anmaßungen." Eine zeitgemäße Variante könnte unter dem Titel "Beschäftigt sein wollen" lauten: "Die Forderung, seinem eigenen, subjektiven Wert nach (bezahlt) arbeiten zu dürfen, ist die größte aller sozialen Anmaßungen."

Schließlich Nietzsche, § 520, "Gefahren unserer Cultur": "Wir gehören einer Zeit an, deren Cultur in Gefahr ist, an den Mitteln der Cultur zu Grunde zu gehen." Dass der ORF als größtes nationales Medium als ein solches "Mittel der Cultur" aufzufassen ist, versteht sich von selbst. Ich schaffe es nicht einmal, an ihm zugrunde zu gehen. (Michael Pand/DER STANDARD, Printausgabe vom 20./21.7.2002)