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Im Wien des Dezember 1937 begann ein heute fast vergessener Mann namens Ernst Epstein, sein Leben zu ordnen. Im Alter von 56 Jahren verfasste der Architekt und Baumeister sein Testament. Darin bedachte er nicht nur Verwandte und Brüder mit beträchtlichen Geldsummen, sondern auch seine Mitarbeiter und die Armen Wiens jüdischer Konfession.

Fünf Monate später, am 21. Mai 1938, nahm sich Epstein mit Veronal das Leben. Am Tag zuvor waren auch in Österreich die Nürnberger Rassegesetze in Kraft getreten. Epstein war Jude gewesen.

Der Architekt starb allein und in einem Haus, das er selbst geplant und gebaut hatte. Dieses Haus steht heute noch, es ist ein klarer, schön gegliederter Bau in der Fichtnergasse, ein freundliches Gebäude, eines, in dem er hätte alt werden können. Von dem Mann, der sich da am Vorabend des Holocaust das Leben genommen hat, gibt es weder Nachkommen noch Verwandte, es ist auch kein einziges Foto erhalten, das zeigen könnte, wie er ausgesehen hat. Das einzige Bild, das wir uns heute von ihm machen können, ist in die große Stadtlandschaft Wiens gestickt: Es sind die vielen Häuser, die er sorgfältig gebaut hat, und die heute noch, unauffällig aber solide, das Stadtbild mitbestimmen.

Sabine Höller-Alber und Markus Kristan ist es zu danken, dass dieses Bild plötzlich wieder erkennbar und deutlich gemacht wurde. Sie trieben alte Dokumente auf, fassten die Arbeiten Epsteins zusammen, analysierten anhand vieler vergilbter Unterlagen sein Leben und präsentieren nun den Mann und sein Werk in der Reihe "Wiener Persönlichkeiten" in Form eines Buches (mit Markus Gruber) und einer Ausstellung im Jüdischen Museum Wien (mit August Sarnitz und Alexander Traugott).

"Epstein", so die Autoren, "war kein Künstler, er war Baumeister, ein guter Baumeister, ein besserer entwerfender Baumeister sogar als so mancher Architekt. Vielleicht hätte ein nach dem Besuch der Staatsgewerbeschule weiterführendes Studium bei Otto Wagner oder an der Technischen Hochschule ihn zum kreativen und innovativen Künstler geformt. So aber blieb er ein guter Baumeister, der mit seinen Bauten geschickt auf städtebauliche Gegebenheiten reagierte, teilweise zeitgenössische, teilweise historische Stilrichtungen verarbeitete und sich zumeist den Wünschen seiner Bauherren beugte. Er muss für seine Bauherren ein ,angenehmer' Architekt gewesen sein, der ihren Vorstellungen nachgab und daher mit außergewöhnlich vielen Aufträgen bedacht wurde."

Rund hundert Gebäude in Wien werden Epstein zugesprochen, und einer der ganz wenigen, die stets auf ihre überdurchschnittliche Qualität hingewiesen hatte, ist Friedrich Achleitner. Epstein sei kein Erneuerer und Erfinder gewesen, so der Architekturkritiker, habe aber zu einem ersten Vertreter der Moderne gezählt, und das "auf einem sehr hohen architektonischen und baumeisterlichen Niveau, mit einer großen Detailkultur und einer soliden Kenntnis der neuen Materialien und konstruktiven Möglichkeiten". Epstein habe "neben" den großen Architekten seiner Zeit gewirkt, so die Ausstellungsmacher, sich aus nicht mehr nachvollziehbaren Gründen nicht am kommunalen Baugeschehen beteiligt, und war vor allem für Versicherungsunternehmen tätig. Zins- und Miethäuser entstanden da, Fabriks-und Bürogebäude. Das prominenteste Haus, an dem Epstein mitwirkte, stammt allerdings von Adolf Loos: Der hatte Ernst Epstein für das Geschäftshaus Goldman & Salatsch, heute besser bekannt als Looshaus am Michaelerplatz, als Bauleiter engagiert und später dessen "großzügiges Organisationstalent und reiches technisches Wissen" gewürdigt.

Epstein hatte zwar gut verdient, die Hinterlassenschaften in seiner Wohnung wiesen ihn aber als bescheidenen Mann aus. In seiner Schreibtischlade fand man eine Steyr-Pistole und eine Schachtel Havanna-Zigarren. Aus der Erbschaft konnten seine Brüder die Reichsfluchtsteuer bezahlen. Sie hatten die "Ostmark" längst verlassen, als das Verlassenschaftsverfahren abgeschlossen war.


(Ute Woltron/DER STANDARD, Printausgabe vom 20./21.7.2002)