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Warum wurden manche Völker reich und mächtig? Und warum blieben andere auf Steinzeitniveau und wurden zu Opfern der technisch überlegenen Usurpatoren? Warum eroberten die Spanier das Aztekenreich - und nicht die Azteken Spanien? Warum fuhr man in den USA und Europa schon in Automobilen, während die Aborigines Australiens nicht einmal noch den Pflug erfunden hatten? Jared Diamond stellt in seinem Buch "Arm und Reich - Die Schicksale menschlicher Gemeinschaften" diese Fragen. Seine Antwort: weil die Bewohner der Alten Welt einfach bessere biologische Bedingungen vorfanden. Nicht zufällig entstand die Landwirtschaft, die Grundlage für jede Form von menschlicher Zivilisation, in Vorderasien. Der Eurasische Kontinent war begünstigt: In Europa, Asien und Nordafrika wachsen 33 Arten von Gräsern, die zum fruchtbaren Getreide umgezüchtet werden können, in ganz Nord-, Mittel- und Südamerika sind dagegen nur elf Gräser als Getreidelieferanten geeignet - und in Australien überhaupt nur zwei. Auch bei den nutzbaren Tieren hatte die Alte Welt ihren Bewohnern viel zu bieten: Ziege und Schaf konnten vor rund 10.000 Jahren in Vorderasien domestiziert werden, das Schwein zum gleichen Zeitpunkt im Fernen Osten. Das Rind wurde um 6000 v. Chr. in Vorderasien und Indien zum Haustier, das Pferd um 4000 v. Chr. in der Ukraine, der Esel zum selben Zeitpunkt in Ägypten. In anderen Gebieten gab es keine vergleichbaren, zähmbaren Tiere: Um 3500 v. Chr. wurden in den Anden zwar das Lama und das Alpaka domestiziert, aber beide Tiere sind keineswegs so effiziente Arbeitshelfer wie Rind oder Pferd, sie geben auch kaum Milch und sind als Reittiere ungeeignet. In Mittelamerika konnte nur das Truthuhn zum Haustier gemacht werden, als Arbeitstier und Fleischlieferant stand darüber hinaus ausschließlich der Hund zur Verfügung. Den Menschen in Australien blieb überhaupt nur der Hund - kein Beuteltier konnte bis heute domestiziert werden. Aber nicht, weil die Aborigines zu ungeschickt wären: Diamond weist nach, dass der Mensch, wo immer er auftauchte, geschickt die natürlichen Ressourcen zu nutzen wusste - in China wurde 7500 v. Chr. sogar ein Insekt, die Seidenraupe, domestiziert -, doch nur wenige Tiere eignen sich als Hausgetier. Solche und noch viele interessante Fakten mehr bietet Diamond auf über 500 packend geschriebenen Seiten. Immer wieder wurde und wird der biologischen Forschung vorgeworfen, rassistische Ressentiments zu unterstützen - Jared Diamonds Analyse ist ein eindrucksvolles Beispiel dafür, dass naturwissenschaftliche Erkenntnis im besten Sinn des Wortes aufklärend wirken kann. Wissen wie das in Diamonds Buch, für das er übrigens 1998 den Pulitzerpreis erhielt, macht frei - auch frei von Rassismus und Nationalismus. (Andrea Dee/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 20./21. 7. 2002)