Die Saudis hatten keine Chance. 8:0 schlug Deutschlands Kickerelite, die später bis ins Finale rumpeln sollte, Saudi-Arabien im ersten Vorrundenspiel der Fußball-WM - und das bei einer Weltmeisterschaft, von der es später heißen sollte, sie habe eindrücklich demonstriert, wie gering der Abstand zwischen den Großen und den Kleinen mittlerweile geworden sei. Doppelt bitter, dass der saudi-arabische Trainer vor dem Spiel noch großspurig getönt hatte, man könne die Deutschen schlagen.Im Sportlichen wiederholte sich in dieser Episode, was im Politischen schon seit Jahrhunderten das Verhältnis der arabischen Länder zum Westen prägt: In dem Bewusstsein der eigenen historischen Größe sowie der anschließenden kolonialen und postkolonialen Diskriminierung wurzelt bei vielen Arabern ein tiefes Bedürfnis, dem Westen endlich ebenbürtig und als gleichrangig anerkannt zu sein. Die Wahrheit aber liegt auf dem Platz. Will sagen: Politisch und wirtschaftlich spielen die Länder des Nahen und Mittleren Ostens weiter in der zweiten Liga. Und pflegen dort vor allem ihren Minderwertigkeitskomplex, der sich mal im Größenwahn und mal in Aggression gegenüber dem Westen Luft verschafft. Ein historisches und ein aktuelles Beispiel können dieses Muster illustrieren. "Mein Land liegt nicht in Afrika; wir sind nunmehr ein Teil Europas geworden." Mit diesen Worten weihte 1869 der osmanisch-ägyptische Vizekönig Ismail vor den Augen der Weltöffentlichkeit feierlich den Suez-Kanal ein. Ismail erhoffte sich von dem Jahrhundertbauwerk zwischen Mittelmeer und Indischem Ozean, dass er das Land am Nil zu einem Zentrum des Welthandels machen könnte. 132 Jahre später war es Ussama bin Laden, der dieser Welt den Krieg erklärte. Der Westen, sagt er, ist verantwortlich für die Unterdrückung und die Leiden der Muslime. Mit diesen beiden Haltungen markieren der ägyptische Vizekönig des kolonialen 19. Jahrhunderts und der postmoderne Al Qaida-Führer die beiden Pole, zwischen denen die Auseinandersetzung der so genannten "islamischen Welt" mit "dem Westen" bis heute pendelt: Nachahmung und Abgrenzung. So hatte Ismail, besessen vom Wunsch nach Modernisierung, den Ägyptern ein gigantisches Unternehmen zugemutet. Zigtausende starben für den Bau der Wasserstraße durch die Wüste Sinai. Bald konnte er aber nicht einmal mehr die Zinsen für seine Schulden bei den europäischen Banken aufbringen, mit denen er den eigenen Aufbruch in die Moderne finanzieren wollte. Das ganze Land - und mit ihm der Kanal - geriet unter die Hoheit der europäischen Mächte. Seither stand dem fortwährenden Streben, es dem Westen endlich gleich zu tun, ein ums andere mal ein 0:8, die bittere Erfahrung von Ohnmacht und Unterlegenheit gegenüber. Sich dieser erwehren zu wollen, ist heute Kern der Ideologie von Al-Qaida und deren Angriff auf die USA. Zwar werden die USA, wie einst Europa, wegen ihrer weltpolitischen Stärke aber auch wegen ihrer Lebensart in der arabischen Welt durchaus bewundert. Wer es sich etwa in Kairo leisten kann, der kleidet sich westlich, kauft ein in den riesigen shopping-malls der Vorstädte, vergnügt sich bei McDonalds und besucht die Amerikanische Universität im Zentrum der Stadt. Dennoch ist der Anti-Amerikanismus im Nahen und Mittleren Osten weit verbreitet. In den Augen vieler haben nämlich heute die USA die Rolle der Europäer eingenommen. Insbesondere in den Monaten nach dem 11.9. griffen die Leitartikler in der arabischen Presse die Fortschreibung der kolonialen Erfahrung durch die US-amerikanische Machtpolitik in der Region an. Wäre demnach auch Al Qaida eine späte Antwort auf die Kolonialisierung? Viele arabische Intellektuelle und auch westliche Kritiker des Krieges gegen den Terror, sehen das so. Und zunächst erscheint die These einer fortgesetzten Demütigung der islamischen Welt ja auch plausibel. Schließlich kann sie sich auf das historische Leiden von Millionen Menschen in Nordafrika sowie dem Nahen und Mittleren Osten und dessen bis heute wirksamen Folgen im politischen wie sozialen Gefüge der Region berufen. Allerdings übersehen ihre Verfechter den ideologischen Anteil dieser vermeintlich authentischen Leidenserfahrungen. So wäre doch zunächst einmal zu fragen, warum sich eigentlich Syrer oder Marokkaner "gedemütigt" fühlen sollten durch den Krieg in Afghanistan? Warum spricht der ägyptische Autor Sonallah Ibrahim von "Backpfeifen", welche die Menschen in Kairo täglich erhielten, wenn sie auf den Palästinakonflikt oder die Folgen der Sanktionen gegen den Irak blickten? Ganz offensichtlich geht es dabei nicht um konkrete und am eigenen Leibe erfahrene Not. "Erniedrigt" durch die Politik der USA an der Seite Israels oder gegen den Irak fühlen sich viele Menschen in Algier, Kairo oder Teheran vielmehr als Angehörige eines Kollektivs - des Kollektivs der 1,3 Milliarden Muslime auf der Welt. Ihre Stärke gewinnt diese Projektion aus dem Gefühl der gemeinsamen Bedrohung - der Bedrohung "des Islams" durch "den Westen". Die Wahrnehmung, von Feinden umkreist zu sein, prägt nicht nur die politische Ideologie von Terrorgruppen wie Al-Qaida und anderen islamistischen Bewegungen. Als eine Art von Alltagsreligion bestimmt sie die Interpretation weltpolitischer Entwicklungen von Millionen mal mehr, mal weniger religiöser Muslime zwischen Dakar und Peshawar. Und seine Wurzeln hat dieses auf der Annahme äußerer Bedrohung basierende Gemeinschaftsgefühl tatsächlich im kolonialen Zeitalter. Weit über einhundert Jahre lang hatte das kolonialistische Europa nicht nur den Islam als Wesenskern der "Anderen" dargestellt, sondern ihn auch als Ursache für deren Rückschrittlichkeit gebrandmarkt. Aufklärung und säkulare Moderne waren mit Macht, kolonialer Arroganz und vor allem mit millionenfachem Mord und Totschlag über die Kolonisierten gekommen. In Europa und den USA wird diese Geschichte gerne vergessen, obwohl sie vor gerade mal 40 Jahren mit der algerischen Unabhängigkeit endete. Im Nahen und Mittleren Osten ist sie hingegen eine feste Größe im kollektiven Gedächtnis und - bewusst oder unbewusst - zum Grundstein eines latenten Misstrauens gegenüber dem Westen und seinen Werten geworden. Gewissermaßen als "islamische Antwort" auf die Unterwerfung und das mit ihr verbundene westliche Stereotyp vom fortschrittsfeindlichen und minderwertigen, ja barbarischen Islam formulieren seit der Kolonialzeit immer wieder nationale wie soziale Bewegungen in der Region die Religion als positive Gegenidentität. Der Islam wird hier zum Symbol von Zusammengehörigkeit und einer kulturellen Authentizität, die gegen die westliche Durchdringung - von Menschenrechten bis Madonna - behauptet werden müsse. Im Rahmen dieser Kollektivkonstruktionen, ein Pendant zum Huntingtonschen Konzept vom "Kampf der Zivilisationen", sehen viele Menschen im Nahen und Mittleren Osten bis heute auf die Begegnungen zwischen "dem Westen" und "dem Islam". Deshalb kann der Tod eines irakischen oder palästinensischen Kindes den Demütigungsreflex eines tausende Kilometer entfernt lebenden kleinen ägyptischen Bankangestellten abrufen. Dabei erhält der doch die wirklichen "Backpfeifen" tagtäglich vor und hinter der eigenen Haustür. Mit Universitätsabschluss, aber ohne Job, ohne eigene Wohnung und ohne Möglichkeit, eine Familie zu gründen, steht er wie die Masse der Bevölkerung in den Staaten Nordafrikas sowie des Nahen und Mittleren Ostens seiner Perspektiv- und gesellschaftlichen Einflusslosigkeit ohnmächtig gegenüber. Die materiellen und politischen Glücksversprechen der von vielen Arabern seit dem 19. Jahrhundert oft gleichermaßen gehassten wie bewunderten Moderne blieben auch nach der Kolonialzeit allein den nationalen Eliten vorbehalten. Die Kritik des "kleinen Mannes" an der Vielzahl der alltäglich erlebten Ungerechtigkeiten richtet sich aber meist nicht gegen die patriarchale Gesellschaftsordnung, sondern reduziert sich eher auf einzelne Vertreter der so bornierten wie machtversessenen wirtschaftlichen und politischen Eliten, der "fetten Katzen", wie sie in Ägypten seit der Westöffnungspolitik in den 70er Jahren heißen. Und wohl auch angesichts der Aussichtslosigkeit aller Hoffnungen auf grundlegende Veränderungen greifen viele nicht die Rolle ihrer Länder in einer ungleichen Weltwirtschaftsordnung an, sondern verschieben die Quelle ihrer Frustrationen auf äußere Mächte. Häufig pauschal und verkürzt zielt der Unmut auf "den Westen", die USA, Israel oder "die Juden". Anti-westliche und anti-semitische Verschwörungstheorien stehen etwa bei Ägyptern aller Schichten hoch im Kurs. So lehnen viele Menschen die von den Industrienationen forcierten Kampagnen zur Geburtenkontrolle als islamfeindlich ab, weil auf diese Weise nur die wachsende Zahl von Muslime unter der Weltbevölkerung begrenzt werden solle. Staatlich gelenkte Medien und konservative soziale Bewegungen wie die islamistischen Muslimbrüder helfen kräftig mit bei solchen Ablenkungsmanövern, denn beide - Staat und Islamismus - haben kein Interesse an einer politischen Opposition, die sich für soziale Reformen und gegen die in allen Ländern der Region dominierende repressive Ordnung formieren könnte. Und nicht zuletzt versucht auch der radikale Islam an das historisch gewachsene Ressentiment gegen den Westen und die USA anzudocken: Als "Kostprobe davon, was wir Muslime erlebt haben", legitimierte 1998 Bin Laden den Anschlag auf die US-Botschaft in Kenia, der 224 Menschen das Leben kostete. Indem er das muslimische Kollektiv als vom Westen verfolgte Leidensgemeinschaft entwirft, kann Bin Laden an ein politisches Koordinatensystem anknüpfen, das in den islamischen Ländern als Alltagswissen weitaus verbreiteter ist als die Sympathie für den radikalen Islamismus. Immer wieder hat er deshalb erinnert an die "Vertreibung" der Amerikaner aus dem Libanon, der UdSSR aus Afghanistan oder an die Bilder der durch den somalischen Staub geschleiften GIs. Der feindlichen "Übermacht" entgegen zu treten, Stärke zu zeigen, ist populär. Allein dafür wird in der Region auch Saddam Hussein geachtet. Anti-westliche Ideologien werden aber auch befördert durch eine Politik der Industriemächte, die Kriege und militärische Interventionen in schlechter kolonialer Tradition im Namen von Zivilisation, Demokratie und Menschenrechten propagieren, obwohl sie sich seit jeher zu allererst an wirtschafts- und machtpolitischen Interessen orientieren. Welchen Grund, so fragen sich viele in der arabischen Welt, gebe es sonst dafür, etwa die von ihnen verachtete reaktionäre Diktatur in Saudi-Arabien seit Jahrzehnten zu hofieren, die Bevölkerung des Irak aber mit Krieg und Sanktionen zu überziehen? Und warum haben die westlichen Staaten der Anti-Terror-Allianz eigentlich erst nach dem 11.9. die Rechte der afghanischen Frauen entdeckt? Die selektive Anwendung der zivilisatorischen Ideale trägt wesentlich dazu bei, dass diesen nebst ihren Vertretern mit anhaltendem Misstrauen begegnet wird. Ein ums andere mal dient die Doppelgesichtigkeit "des Westens" zur ideologischen Rechtfertigung der "islamischen Antwort" - vom Demütigungsreflex über konservative Identitätspolitik bis hin zum radikalen Terrorismus. Und gefangen in diesem weit in die Geschichte zurück reichenden, politischen, psychologischen und weit in den Alltag hinein reichenden Ping-Pong, laviert jetzt auch die US-Politik in der Region. Die lang erwartete Nahost-Rede von Präsident Bush dürfte mit der Forderung nach der Absetzung des gewählten Präsidenten Arafat nur weiter Wasser auf die Mühlen der Ideologen gegossen haben. Jedenfalls müssen sich die Politiker der palästinensischen Autonomiebehörde nun alle Mühe geben, um ihr Gesicht zu wahren und die Ankündigung von Wahlen im kommenden Januar als selbst bestimmte und nicht etwa von den USA diktierte Politik zu präsentieren. (Jochen Müller/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 20./21. 7. 2002)