Wien - Genau genommen weiß heute wohl kein Mensch mehr, wo genau sich im dritten Bezirk das "Armensündergässchen" befand. Nur die Legenden, die sich um diese kleine Gasse rankten, die wissen noch ein paar in Wien. Bewusste Gasse habe seinerzeit im Mittelalter zu einer Richtstatt geführt, heißt es. Und so etwas ist natürlich von Haus aus kein gutes Omen.Daher sei zum Beispiel einmal eine alte Witwe vor dem Gässchen gestanden - und habe ein kleines Mädchen um Hilfe gebeten, jene möge sie beim Durchgehen stützen. Als sie dann in der Gasse gingen, tauchte noch ein anderer Mann auf - worauf sich die Alte mit dem Mädchen in einen Hauseingang flüchtete. Später erzählte die Greisin dem Kind: Es sei von außerordentlicher Wichtigkeit, immer nur in gerader Anzahl durch dieses Gässchen zu gehen. Wenn eine ungerade Personenzahl durchginge - dann brächte das großes Unglück. Christian, der im "dritten Hieb" wohnt, der glaubt es wiedergefunden zu haben, dieses "Armensündergässchen". Ein kleiner Schlurf ist das, zwischen zwei Häusern. Ohne eigenen Namen. Und befindet sich zwischen Siegel- und Czapkagasse. Ob es tatsächlich dieses Armensündergässchen sei? "Für mich ist es das", ist Christian felsenfest überzeugt. Prompt marschieren zwei Mädchen durch die enge, düstere Häuserschlucht. Mit einer Rose in der Hand. Bea und Kati, die gehen hier jeden Tag durch, berichten sie uns - wenn sie vom Spielplatz nach Hause marschieren. "Ihr habt ziemliches Glück gehabt", offenbart ihnen Christian. "Warum denn?", wollen die beiden wissen. "Weil es angeblich großes Unglück bringt, wenn man hier nicht in gerader Anzahl durchgeht." Die beiden schauen sich kurz an, blicken noch einmal durch das mit Graffiti voll gesprühte Gässchen und grinsen: ""Voll cool!" (DER STANDARD, Printausgabe 20./21.07.2002)