Madrid/Rabat - Nach dem unter starkem US-Druck erzielten vorläufigen Kompromiss im Streit um die Petersil-Insel kommen die Außenminister Spaniens und Marokkos am Montag in der marokkanischen Hauptstadt Rabat zusammen. Spanien zog seine Soldaten von der Insel ab, Marokko hat versprochen, das winzige Eiland nicht wieder zu besetzen. Nach marokkanischer Darstellung sollen nun "alle" Streitthemen zur Sprache kommen. Dazu gehört an erster Stelle der Westsahara-Konflikt, aber auch die Zukunft der spanischen Exklaven Ceuta und Melilla. Verhandlungen über Letztere lehnt Madrid aber strikt ab.Zu dem seit über einem Vierteljahrhundert andauernden Westsahara-Konflikt ist Ende Juli eine Entscheidung des UNO-Sicherheitsrates in New York fällig. Marokko, das die Westsahara besetzt hält, lehnt das von Spanien geforderte Selbstbestimmungsreferendum ab. Madrid durchkreuzte seinerseits die jüngsten US-Pläne für eine Autonomie der Westsahara innerhalb Marokkos. Krise vorläufig entschärft Die mit der Besetzung einer unbewohnten Insel von der Größe zweier Fußballfelder durch Marokko vor zehn Tagen ausgebrochene Krise ist mit dem Abzug der spanischen Truppen vorläufig entschärft worden. Der Friedensschluss zum Ausklang der Operetteninvasion, die durch die spanische "Rückeroberung" fast in einen bewaffneten Konflikt ausgeartet wäre, kam nicht durch direkte Verhandlungen zwischen Madrid und Rabat, sondern durch Intervention des US-Außenministers Colin Powell zustande. Die 75 spanischen "Legionäre", die die Insel seit Mittwochfrüh bewachten, hatten kaum Gelegenheit, ihre Stellungen zu befestigen - schon kam der Befehl zum Abzug. Sonntagfrüh war das von Spanien und Marokko beanspruchte Eiland an der Meerenge von Gibraltar wieder menschenleer. Es bedurfte der Zusicherung Marokkos, die Insel "nicht wieder zu besetzen", bevor Spaniens Premier José María Aznar dem Truppenabzug zustimmte. Kompromiss auf Druck der USA Der Kompromiss kam schließlich auf Druck der USA zustande, die den Streit zwischen dem Nato-Partner und dem wichtigsten Verbündeten im Maghreb mit allen Mitteln entschärfen wollten: Marokko garantierte die "Entmilitarisierung" der Insel, Spaniens Legionäre konnten in ihre Garnison in Ceuta zurückfliegen. Wie schlecht es um die Beziehungen zwischen den beiden Nachbarn bestellt ist, beweist die Tatsache, dass der "Friedensschluss" ohne direkten Kontakt zwischen den Konfliktparteien zustande kam. US-Außenminister Powell musste in Telefonaten zwischen Marokkos König Mohammed VI. und der spanischen Regierung vermitteln. Am Montag sollen in Rabat erstmals die Außenminister beider Länder zusammentreffen. Überschattet wird die Konferenz von der Ankündigung des marokkanischen Außenministers Mohammed Banaissa, über "alle offenen Fragen, einschließlich Ceuta und Melilla" sprechen zu wollen. Spaniens Ana de Palacio wies diese Forderung entschieden zurück. Die beiden spanischen Exklaven im marokkanischen Territorium stünden "außer jeder Diskussion". (DER STANDARD, Printausgabe, 22.7.2002)