Tokio - Das isolierte Nordkorea hat nach Angaben aus diplomatischen Kreisen in Japan damit begonnen, sein System von Rationierungen und staatlichen Zuteilungen aufzuheben, um den Wettbewerb einzuführen. "Unter dem neuen System wird Wettbewerb in die Gesellschaft eingeführt werden", sagte ein Diplomat und fügte hinzu: "Dies ist ein epochales Ereignis", ein großer Schritt hin zur Marktwirtschaft. In Pjöngjang habe man unter der Anleitung des Parteichefs und Staatsführers Kim Jong Il bereits im Juni damit begonnen, das neue System einzuführen. Dies habe zu einem deutlichen Anstieg der Preise und Löhne geführt. "Das Rationierungssystem wird durch ein neues Wirtschaftssystem ersetzt, in dem alle Transaktionen und wirtschaftlichen Aktivitäten in (der Landeswährung) Won abgewickelt werden", hieß es. Bezugsscheine waren bisher ein wichtiges Zahlungsmittel. Die stalinistische Planwirtschaft war 1947 eingeführt worden, als die Kommunisten im Norden der geteilten koreanischen Halbinsel die Macht übernahmen. Das neue System werde alle 22 Millionen Nordkoreaner in allen Bereichen betreffen, verlautete aus den Diplomatenkreisen. Das Land leidet seit Jahren unter schweren Versorgungsengpässen und Hungersnöten. Das vorsichtige marktwirtschaftliche Experimen werde sich auch auf die Industrie auswirken, sagte der Diplomat. Vertreter staatlicher Unternehmen waren in diesem Monat zusammengerufen und über Veränderungen unterrichtet worden, wonach ihre Firmen von staatlicher Unterstützung abgekoppelt würden. Die Unternehmen müssten künftig auf eigenen Füßen stehen. Die nordkoreanische Regierung werde nicht länger Bezugsscheine für Lebensmittel und Waren des täglichen Bedarfs ausgeben. Mehr als ein halbes Jahrhundert lang hat der Staat seinen Bürgern die lebensnotwendigen Dinge wie Nahrung, Kleidung und Unterkunft kostenlos zur Verfügung gestellt. Nun werde es Wettbewerb geben, sagte der Diplomat. "Und diejenigen Unternehmen werden vielleicht nicht überleben, denen es nicht gelingt, Profit zu machen und den Beschäftigten Gehälter zu zahlen." Won massiv überbewertet Derzeit verdient ein Nordkoreaner im Durchschnitt 100 bis 150 Won im Monat. Dafür bekommt er auf dem Schwarzmarkt etwa ein Kilogramm Äpfel. Ein Kilogramm Rindfleisch kostet zwei Monatsgehälter. Gegenwärtig dominieren der US-Dollar und der chinesische Yuan Renminbi den Schwarzmarkt, auf dem die Nordkoreaner rund 60 Prozent ihres täglichen Bedarfs stillen. Nach westlichen Analysen dürfte ein Drittel der nordkoreanischen Bevölkerung vom Welternährungsprogramm (WFP) der UNO abhängig sein, da der Staat Getreideimporte nicht mit harter Währung bezahlen kann. Die Landeswährung Won ist massiv überbewertet. Nach dem offiziellen Wechselkurs kostet ein Dollar 2,2 Won, auf dem Schwarzmarkt aber 222 Won. Die nordkoreanische Wirtschaft wuchs nach Schätzungen der südkoreanischen Bank von Korea im vergangenen Jahr um 3,7 Prozent. Im Jahr davor seien es 1,3 Prozent gewesen. Allerdings sei die Wirtschaft von einer sehr niedrigen Basis aus gewachsen. (APA)