Wien - "Bei Politik handelt es sich in Serbien jetzt nicht wie in einem normalen Land um einen politischen Wettbewerb, in dem die einen siegen und die anderen verlieren, sondern um die Ermordung und Beerdigung politischer Gegner". Diese Einschätzung äußerte das Führungsmitglied der Serbischen Erneuerungsbewegung (SPO), Tomislav Jeremic. Derzeit laufe die "schmutzigste Kampagne", die es je gegeben habe. Die von Vuk Draskovic geführte einstmals stärkste Oppositionspartei nehme aber daran nicht teil und werde für die serbischen Präsidentschaftswahlen Ende September auch keinen Kandidaten nominieren. Eine neue "antikommunistische" Verfassung wäre zunächst "viel klüger" gewesen, betonte Jeremic, dessen Partei für die Monarchie eintritt. Eine neue Verfassung hätte auch den "Beweis der Diskontinuität mit der 60-jährigen kommunistischen Herrschaft" erbracht. Auf diese Weise hätte sich Serbien "vom immer noch bestehenden Verdacht" befreien können, ein teils kommunistischer Staat zu sein. Die SPO werde jedenfalls den derzeitigen jugoslawischen Präsidenten Vojislav Kostunica unterstützen, sollte er als Kandidat für die serbischen Präsidentschaftswahlen nominiert werden. Kostunica sei "trotz aller Makel ein Mann, der für Serbien ist". Die übrigen Kandidaten würden alle nur zunächst sich, dann ihre Partei und erst zum Schluss Serbien präsentieren. Dazu zähle auch der jugoslawische Vizepremier Miroljub Labus. Der aussichtsreiche Kandidat habe gar versucht, den Menschen zu erklären "Entschuldigt, ich bin nicht von hier". Solch ein Mann könne und dürfe keinesfalls Präsident Serbiens werden, so Jeremic. Orientierung Nach den nächsten Parlamentswahlen kann sich der in der SPO vor allem für Bildungspolitik zuständige Jeremic nur eine Koalition mit der Demokratischen Partei Serbiens (DSS) von Kostunica vorstellen. Er zähle die DSS ebenso wie seine Partei zum "rechten Zentrum". Die Demokratische Partei (DS) von Ministerpräsident Zoran Djindjic sieht Jeremic "links im politischen Spektrum". Schon vor einem Jahr hätte die DS "unter Anweisung der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands ein Programm erlassen, das sozialdemokratischer Orientierung ist". Dass die einstmals starke und einflussreiche SPO und ihr Leader Draskovic für immer in der politischen Versenkung verschwinden, glaubt Jeremic nicht. Er rechne bei den nächsten Wahlen zumindest mit zehn Prozent der Stimmen. Dies könne durchaus entscheidend für die Regierungsbildung sein. Die SPO sei auch durchaus bereit, Regierungsverantwortung zu übernehmen. Schließlich habe die Partei entsprechende Erfahrungen, erinnerte Jeremic an die Koalition mit der Sozialistischen Partei Serbiens (SPS) während des Milosevic-Regimes und der Regierungsbeteiligung mit der DS auf lokaler Ebene (SPO regierte in etwa 50 Gemeinden Serbiens). Aus der Bundesregierung sei die SPO während der NATO-Luftangriffe im Frühjahr 1999 von der SPS "vertrieben" worden, weil sie versucht habe, ein "lebendes Verhältnis zwischen Patriotismus und Realitätseinsicht" herzustellen. "Viertes Jugoslawien" Optimistisch zeigte er sich, dass Serbien und Montenegro ein "Viertes Jugoslawien" bilden würden. Kein verantwortungsvoller Politiker könne heute für ein unabhängiges Serbien eintreten. Zwar könnte ihm diese Forderung große Popularität einbringen, gleichzeitig würde er sich aber als "verantwortungsloser Schurke erweisen, der nur an sich denkt". Zum ersten Mal herrsche nun eine Situation vor, in der die EU gegen Teilungen ankämpfe. Im "neuen Jugoslawien" und auf dem Wege der europäischen Integration sei es möglich, "unsere Dummheiten großer Teilungen, mit denen wir uns in den vergangenen zehn Jahren ausgezeichnet haben, zu beenden", so Jeremic. (APA)