Brüssel/Wien - In der Tschechischen Republik haben die Befürworter eines EU-Beitritts derzeit offenbar keine absolute Mehrheit. Das ist das herausragendste Ergebnis einer jüngsten Untersuchung der in Brüssel ansässigen Central European Opinion Research Group Foundation (CEORG) in den Kandidatenländern Tschechien, Ungarn und Polen sowie in Russland.

Demnach waren zum Zeitpunkt der repräsentativen Umfrage Ende Mai (Sample 1083) nur 47,4 Prozent der befragten Tschechen für den Beitritt zur Europäischen Union, während 27,3 Prozent dagegen waren und 25,3 keine Meinung äußerten. Die Erhebung wurde vor den tschechischen Parlamentswahlen Mitte Juni durchgeführt. Die inzwischen installierte Regierung aus Sozialdemokraten, Christdemokraten und Liberalen unter dem sozialdemokratischen Premier Vladimír Spidla vertritt einen klaren Pro-EU-Kurs, lehnt aber Zugeständnisse in den vor allem mit Österreich umstrittenen Fragen Benes-Dekrete und AKW Temelín ab.

Die höchste Zustimmungsrate zum EU-Beitritt weist Ungarn mit 72,1 Prozent auf (Umfrage Mitte Mai, Sample 1523), gefolgt von Polen mit 62,1 Prozent (Mitte Mai, Sample 1047). In Russland befürworteten Ende Mai einen - bis auf weiteres rein hypothetischen - Beitritt zur EU 56,7 Prozent von 1600 Befragten.

Eine weitere CEORG-Studie hat im Juni das persönliche Sicherheitsgefühl der Bürger, die Zufriedenheit mit der Polizei und die Haltung zur Todesstrafe erhoben. Zu den vier genannten Ländern kamen Litauen und Bulgarien hinzu. Absolute Mehrheiten in Tschechien (65,1 Prozent), Ungarn (57) und Polen (63,3) und eine relative Mehrheit der Litauer (48,4) sind zufrieden mit der Polizei am jeweiligen Wohnort. In Bulgarien halten sich Zufriedene und Unzufriedene die Waage. Mit der Polizeiarbeit auf Landesebene herrscht unter den EU-Kandidaten in Ungarn die größte Unzufriedenheit (62 Prozent).

In Tschechien, Ungarn und Polen fühlt sich jeweils eine klare Mehrheit von mehr als 72 Prozent sicher am Wohnort. Dagegen sind in Russland jeweils mehr als 60 Prozent unzufrieden mit der Polizei am Wohnort und landesweit und fühlen sich auch nicht sicher am Wohnort.

Für Todesstrafe

Alle untersuchten Länder weisen eine absolute Mehrheit für die Todesstrafe aus: Russland die größte (78,7), Tschechien mit 56,1 Prozent die kleinste (Ungarn 59,8, Polen 73,6, Litauen 73,3, Bulgarien 68).

(DER STANDARD, Printausgabe, 22.7.2002)