Graz - Die historischen Gegensätze können oberflächlich betrachtet nicht stärker sein, schuf ein zwischen 1550 und 1650 in Konfessionskriegen sich selbst zerfleischendes Europa doch zugleich eine Musik voller Ausdruck, Schmerz und vor allem Sehnsucht nach Gott.

Betrachtet man die Texte, die in dem styriarte-Kirchenkonzert mit Hespèrion XXI unter Jordi Savall in Vertonungen von Komponisten aus Italien, Frankreich, Deutschland und vor allem England und Spanien zu hören waren, jedoch genauer, so ist etwas von jenem religiösen Fanatismus und endgültigen Wahrheitsanspruch zu spüren, der damals ebenso wie heute nur Verheerung stiftete.

Hier jetzt aber ein Konzert voller Dramatik und Expressivität zu erwarten würde weder der Ästhetik der damaligen Zeit noch dem gediegenen Selbstverständnis von Savall entsprechen. Die Ausdrucksnuancen liegen hinter einer Maske hochintellektueller Kompositionstechnik und stillem, gebetsartigem Leiden versteckt und müssen gleichsam erlauscht werden.


Klangliche Esoterik

Dass man diesem Anspruch durch die die fünf Gamben, die Laute bzw. Theorbe und den Gesang Montserrat Figueras' sicher tragende Akustik Grazer Franziskanerkirche ebenso gerecht wurde wie durch das klare und intonationssichere Spiel, war eine gute Hilfe, sich dieser klanglichen Esoterik zu nähern.

Dennoch, die fast ständig langsamen Tempi, das getragene Melos, vor allem aber der Verzicht auf eine Pause verlangten den zahlreich erschienenen Besuchern mehr ab als nur Konzentration, es schien, als würde der Bußcharakter der Musik das Publikum regelrecht fesseln.

Wer dies zuließ - nicht alle taten das und verließen vorzeitig den Raum -, den erwartete ein in sich stimmiges und auch bei schweren Dissonanzen ("Lawdes Deo" von Christopher Tye) stets harmonisches Klanggemälde, eine darüber liegende Stimme, die in ihrer Natürlichkeit gleichsam im Raum schwebte, und ein interpretatorischer Ansatz, der die Musik aus sich selbst sprechen ließ, ohne einen Anflug von Eitelkeit oder Überredungskunst. Ja, es war trotz der Kargheit und des Fehlens eines klaren dramaturgischen Konzeptes ein regelrecht gustiöses Konzert - es war die Kunst des Verweigerns der Erfüllung von Erwartungen. (DER STANDARD, Printausgabe, 22.7.2002)