Das Wort, das derzeit die Berichterstattung über Bilanzbetrug, Börsencrashes und gefeuerte Managerikonen dominiert, ist "Gier". Unstillbare Gier einer finsteren Bande von Börsenhändlern, Analysten, Fondsmanagern, Banken und Unternehmensvorständen nach immer höheren Gewinnen, noch höheren Aktienkursen, noch höherem Einkommen habe die Märkte hinuntergeprügelt, lauten die Vorwürfe.Das Wort, das die Berichterstattung über das Ende des österreichischen Reifenherstellers Semperit dominierte, war nicht zufällig ebenfalls "Gier". Ein deutscher Reifenmulti, dem die Gewinne der österreichischen Tochter nicht hoch genug waren und der das Werk schloss, um anderswo noch mehr zu verdienen: Das muss Gier sein. Das alles ist richtig - und doch auch falsch. Gier ist nicht die exklusive moralische Verwerflichkeit der Finanzbranche. Sie erfüllt nur eine Nachfrage. Gewinnstreben ist Triebkraft aller wirtschaftlichen Aktivitäten. Und das immerfort währende Streben nach Vergrößerung eben dieses Gewinns hat schon Charles Darwin erklärt. Und dass manche dabei auf die schiefe Bahn geraten, ist nicht wirklich neu. Selbst Arbeitnehmer, die vielleicht auf der einen Seite gerade ihren Job verloren haben, weil das Unternehmen seine Gewinne maximiert, besitzen auf der anderen Seite vielleicht ein paar Fondsanteile. Und vom Fondsmanager fordern sie, ihr Geld für die Pensionsvorsorge möglichst gut anzulegen. Das Opfer ist gleichzeitig in anderen Unternehmen damit zum Täter geworden. Das Bedürfnis, das zu ändern, ist offenbar nicht gegeben. Fonds, die nur in Unternehmen anlegen, die gewisse soziale Standards garantieren, sind am Markt chancenlos: Ihre Rendite ist für 99 Prozent der Anleger zu gering. Gier wird halt am liebsten bei anderen kritisiert.