Alexandre Dumas père (1802-1870) war nicht nur geistiger Vater des "Grafen von Monte Christo" und der "Drei Musketiere": Anlässlich seines 200. Geburtstags erhebt man ihn in Frankreich endlich in den Rang eines Voltaire oder Victor Hugo. Roman und Theater im Frankreich des 19. Jahrhunderts: Sie sind traurige Exempel dafür, wie schlecht es im ach so kultivierten deutschen Sprach- raum um die Vermittlung und Verfügbarkeit der so genannten Weltliteratur bestellt ist. Von Victor Hugo, dessen Gesamtwerk Regale füllen würde, sind nur einige wenige "Klassiker" wie der Glöckner von Notre Dame in Übersetzungen erhältlich. Balzac, von dem man über die Menschliche Komödie hinaus gern mehr über die (oft unter Pseudonymen verfassten) "frühen" Romane wüsste, ist in diesem Bereich tatsächlich ein Unbekannter. Und rund um Alexandre Dumas père sind die Versäumnisse besonders arg: Kurz vor seinem 200. Geburtstag am 24. Juli sehen sich Rezensenten meist gezwungen, Höhepunkte aus dem Grafen von Monte Christo oder den Drei Musketieren zu repetieren. Darüber hinaus heißt es immer wieder: Über 600 Romane und Dramen habe der Autor, der in seiner Werkstatt auch Ghostwriter beschäftigte, zumindest initiiert und in weiterer Folge namentlich gezeichnet. Was für ein unübersichtliches Werk, ächzen die Laudatoren: Tatsächlich ist auch hierzulande kaum etwas davon nachzulesen. Dabei wären gerade in Kenntnis von ausschweifenden, oft in Fortsetzungsform publizierenden Salonlöwen wie Dumas oder Balzac die demonstrativ (wort-)wählerische Attitüde eines Gustave Flaubert oder die zunehmend auf mikroskopische Lebensmomente konzentrierte Suche nach der verlorenen Zeit eines Marcel Proust besser verständlich. Auch Dumas empfand zum Beispiel eine Ahnung von Zeit-"Verlust": Ihr verdankt die Literatur eine ganze Serie historischer Romane, die - ähnlich wie Balzacs Aufarbeitung der ersten Jahrzehnte des 19. Jahrhunderts - die französische Gesellschaft zwischen zwei Extremen zerrissen präsentieren: Einerseits dem dekadent gewordenen Adel, der 1793 am Pranger der Revolution endet. Andererseits den Revolutionären selbst, die auf Dauer das Bürgertum nur unzureichend von republikanischen Usancen überzeugen. Dazwischen wiederum Wirtschaft, Kunst und Politik in der aufblühenden Metropole Paris: eigentümlich sentimental gegenüber postmonarchistischem Glanz, gleichzeitig permanent desillusioniert im Getriebe des kommenden Industriezeitalters. Wer will, kann Dumas heute immerhin mit dem Blick eines Patrice Chéreau lesen, der Mitte der 90er Die Bartholomäusnacht verfilmte: als nachtschwarzes, bluttriefendes Sittengemälde, in dem man in großen Gefühlen wortwörtlich Blut schwitzt. Auch Die drei Musketiere oder Der Mann mit der eisernen Maske sind ungleich näher bei diesen finsteren Eskapaden als beim leichtfüßigen Mantel-und-Degen-Charme, den ihnen unzählige Kinofilme aufpfropften. Und wer jetzt im Sommer noch immer nicht die idealen Schmöker gefunden hat, sollte die Memoiren eines Arztes erstehen: Diese vier Romane, in denen der Niedergang des Sonnenkönigtums, Freimaurerei und der Magier Cagliostro in einem atemberaubenden Gemisch aus Fakten und Übertreibungen zusammengedacht werden - sie kann man gut parallel zu den Weltverschwörungen lesen, die der Dumas-Fan Umberto Eco in Das Foucaultsche Pendel imaginiert. Natürlich: Makellos gedrechselte Werke findet man bei Dumas eher nicht. Oft bombardiert er einen förmlich mit Klischees und Plattitüden. Aber insgesamt entwickeln seine Romane immer wieder eine unreine Grandezza, in der eher bildhafte Tableaus in Erinnerung bleiben als zitable Formulierungen. Um etwa majestätische In_trigen zu imaginieren, setzt der größte Bestsellerautor seiner Zeit alles auf eine Karte. Kein Mittel ist ihm dafür zu gering. Dass er am Ende einer Karriere auch als Theaterimpresario von heftigen finanziellen Problemen geschüttelt war, sagt aber nichts über eine Kurzlebigkeit dieser Arbeitsweise aus. Im Rahmen der Jubiläumsfeierlichkeiten zu seinem 200. Geburtstag wurden Dumas’ Überreste jetzt ins Pariser Panthéon überführt: Dort ruht er jetzt neben Voltaire, Rousseau, Hugo, Emile Zola und André Malraux. Und als Zeremonienspruch hätte ihm wahrscheinlich ein Zitat aus den Drei Musketieren behagt: "Die Gerechtigkeit Gottes erfülle sich!" (Claus Philipp/DER STANDARD, Printausgabe, 23.7.2002)