Kaum eine Woche geht vorbei, ohne dass die ohnehin schon lange Liste der Gereiztheiten zwischen Europa und Amerika nicht noch länger würde. Einmal geht es um die Abstimmung im UN-Sicherheitsrat über eine weitere Beteiligung der USA an der Mission in Bosnien, ein anderes Mal um die Errichtung eines Internationalen Strafgerichtshofs ohne die Beteiligung Amerikas oder dann auch um die Frage, ob man den Palästinensern vorschreiben könne, wen sie nicht zu ihrem Präsidenten wählen dürften.Der Konflikt im Nahen Osten bleibt ein weiterer Grund für die tiefe Verstimmung zwischen Europa und Amerika wie die Themen Umweltschutz und die Idee einer nachhaltigen Entwicklung. Dazu kommen US-Handelssanktionen und die Problematik eines politischen Alleingangs der USA. (Zu) viele Ansichten Glücklicherweise ist dieser Zwist noch nicht die ganze Wahrheit. Der amerikanische Unilateralismus ist immerhin eine Art "Multilateralismus à la carte". Wenn es in ihrem Interesse liegt, greifen die USA gern auf die internationalen Institutionen zurück, was normalerweise auch europäische Belange bedient. Wir dürfen auch nicht vergessen, dass es hier um Demokratien geht. In den USA genau wie in Europa gibt es viele verschiedene Ansichten über Bosnien, über Arafat, sogar über die Unterstützung für Landwirte. Schließlich hat nicht jeder Amerikaner Bush gewählt, und nicht jeder Europäer ist ein Euroföderalist. Abgesehen davon gibt es noch einen wesentlichen Unterschied zwischen Vertretern der USA und der EU, wenn sie zu offiziellen Beratungen zusammenkommen: Die Teilnehmer aus den USA vertreten ein Land im Krieg, das seine gesamte Energie darauf richtet, den Feind "Terrorismus" zu besiegen, egal ob in Form der Al-Qa'ida oder in der irakischen Variante. Die Teilnehmer der EU dagegen vertreten . . . ja, was eigentlich? Wenn es um Handel geht, dann ist die Antwort klar: Die EU ist ein Binnenmarkt und wird als solcher von ihrem Handelskommissar Pascal Lamy vertreten. Wenn es um Wettbewerb geht, vertritt Kommissar Mario Monti Europa, auf sehr streitbare Weise, wie Amerikaner zur Kenntnis nehmen mussten. Aber sobald wir zu den Themen Außen- und Sicherheitspolitik kommen, ist der Hohe Vertreter des EU-Ministerrats, Javier Solana, zwar womöglich unter der Telefonnummer zu erreichen, die Henry Kissinger in Brüssel seinerzeit nie finden konnte, wenn er "mit Europa" sprechen wollte - aber er ist kaum in einer Position, die es ihm erlaubt, in wichtigen Themen für "Europa" zu sprechen. Dementsprechend fällt auch das Gebaren Europas aus. Amerikaner kritisieren zu Recht die Eigenart der Europäer, lange ergebnislos zu diskutieren und sich meistens doch nur auf den kleinsten gemeinsamen Nenner zu einigen, nämlich erst einmal keine konkreten Schritte zu unternehmen. Entschlossenes Handeln ist ihre Sache nicht. "Nehmt Russland nicht zu schnell in die Nato auf!", "Geht nicht zu weit in eurer Unterstützung Israels und der Vernachlässigung der Palästinenser!", "Weitet den Kampf gegen den Terrorismus nicht auf die Hersteller von Massenvernichtungsmitteln aus!" - "Politische Lösungen" sollten gefunden werden, was eigentlich bedeutet, dass die europäische Strategie der handlungsfreien Konsenssuche auf die Welt als Ganzes angewandt werden soll. Manchmal jedoch können beide Strategien - Beratung ohne Aktion in Europa, Aktion ohne Beratung in den USA - zum beiderseitigen Vorteil genutzt werden. Wenn die Europäer keinen Krieg führen und die Amerikaner nicht in langwierige Prozesse der Institutionsbildung in weit entfernten Ländern hineingezogen werden wollen, tritt hier ein eindeutiges Potenzial für eine internationale Arbeitsteilung auf. Bis zu einem gewissen Grad wird diese in Afghanistan und auf dem Balkan bereits praktiziert. Gefahr der Entzweiung Andererseits bergen diese Unterschiede auch ein gefährliches Potenzial für Entzweiung zwischen Europäern und den USA. Für nicht wenige Europäer ist die EU ein Instrument, mit dem der USA die Stirn geboten werden kann. Sie sehen sogar den Euro als eine Waffe gegen den Dollar und freuen sich, wenn der Euro "stark" ist und der Dollar "schwach". Die USA haben ein neues "Reich des Bösen" in "terroristischen" Staaten gefunden. Dieser Stand der Dinge muss all denen gefährlich erscheinen, die zu beiden Seiten des Atlantiks an die Werte der Aufklärung und der freiheitlichen Verfassung glauben. Wenn es um Grundwerte geht, existiert der "Westen" nämlich durchaus. Nach dem 11. September ist er wichtiger denn je. Die Verteidigung westlicher Werte gegen anti-aufklärerische Kräfte könnte sehr wohl die wichtigste Aufgabe für alle werden, die an die Freiheit glauben. Leider haben einige in Amerika und viele in Europa anscheinend vergessen, dass es im Grunde um nichts anderes geht. Europäer wollen nicht kämpfen, noch nicht einmal für ihre Grundwerte. Die Amerikaner wiederum denken, sie kämpften nur als Patrioten ihres großen Landes. Keine der beiden Visionen ist gut genug. Die Wiederentdeckung des Westens und seiner Institutionen und deren Verteidigung ist, koste es, was es wolle, der wichtigste Punkt auf der Agenda der Freiheit. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 23. 7. 2002)