Brüssel/Wien - Nach dem Zweiten Weltkrieg behielt die Sowjetunion das Gebiet um das ehemalige ostpreußische Königsberg als strategisches Faustpfand. Die Lage zwischen dem (nach Westen verschobenen) Polen und den baltischen Republiken, die sich die Sowjets schon mit dem Hitler-Stalin-Pakt einverleibt hatten, schien aus Moskauer Sicht dafür geradezu prädestiniert.Das Gebiet wurde nach Michail Kalinin benannt, von 1938 bis 1946 als Vorsitzender des Präsidiums des Obersten Sowjets formal erster Mann im Staat. Als Stützpunkt der Baltischen Flotte war Kaliningrad bis 1991 militärisches Sperrgebiet. Dass nach wie vor Atomwaffen in dem Gebiet stationiert sind, wird von Moskau zwar offiziell dementiert, doch bleiben vor allem die Nachbarn misstrauisch. Mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion fiel Kaliningrad als Erbmasse der Russischen Föderation zu. Ab dem für 2004 geplanten EU-Beitritt Polens und Litauens (und der anderen beiden Baltenrepubliken Lettland und Estland) wird die russische Exklave innerhalb der Europäischen Union liegen. Russland fordert volle Bewegungsfreiheit für die Bürger Kaliningrads zwischen der Exklave und dem "Mutterland", und zwar mittels "geschlossener Korridore" und einer freizügigen Tagesvisa-Regelung. Für die bestehende EU wie für die künftigen Mitgliedsstaaten sind sowohl Korridore als auch Sondervisa aus prinzipiellen und praktischen Gründen inakzeptabel. Polen und Litauen führen ab 2003 Visumspflicht für russische Bürger ein, in Vorbereitung auf den für 2006 geplanten Beitritt zum Schengen-Grenzregime. Sonderregelungen würden ja den Absichten des Schengen-Regimes - Verhinderung illegaler Immigration und grenzüberschreitender Kriminalität - gerade zuwiderlaufen, argumentieren die Kandidatenländer. Für Kaliningrad gilt dies ganz besonders: Die Region mit rund einer Million Einwohnern ist, infolge notorischer Vernachlässigung durch Moskau, wirtschaftlich völlig heruntergekommen und hat eine der höchsten Kriminalitätsraten Europas, mit florierendem Waffen- und Drogenhandel. Auch die Zahl der Aids- und Tuberkuloseerkrankungen ist weit größer als im übrigen Russland, der Lebensstandard beträgt dagegen nur die Hälfte jenes im Mutterland. In den Verhandlungen, die heute, Dienstag, in Brüssel zwischen Vertretern der EU-Kommission, der russischen Regierung und des Gebiets Kaliningrad beginnen, soll den Staats- und Regierungschefs bis Oktober ein beschlussreifes Papier ausgearbeitet werden. Das hat sich zumindest die dänische Präsidentschaft vorgenommen. Moskau fordert einen Sonderstatus für Kaliningrad, in dem es auch eine Art Pilotprojekt für die künftige Zusammenarbeit mit der EU sieht. Die von Präsident Vladimir Putin ins Spiel gebrachten visafreien Korridore (etwa in Form plombierter Züge) sind aber trotz der jüngsten Schützenhilfe des französischen Präsidenten Jacques Chirac schwer vorstellbar. "Aus historischen Gründen werden damit bei allen starke Gefühle berührt und ungute Erinnerungen wachgerufen", meinte vor kurzem der dänische Premier und amtierende EU-Ratspräsident Anders Fogh Rasmussen. 1939 hatte Hitler mit seiner Forderung nach einem deutschen Korridor durch Polen nach Ostpreußen den Vorwand für seinen Vernichtungskrieg geschaffen. (Josef Kirchengast/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 23.7.2002)