... predigte Kardinal Christoph Schönborn Sonntag zielgenau in der "Kronen Zeitung" und fuhr fort: Schlechte Gewohnheiten müssen ständig bekämpft werden, sonst bekommen sie so starke Wurzeln, dass sie unausrottbar werden . Längst haben die wiederholten Versuche des Blattes Wurzeln geschlagen, unerwünschtes Unkraut als Sensation anzupreisen, und es ist betrüblich zu sehen, dass weder mehrfacher geistlicher Beistand noch die allsonntägliche Erhebung des Blattes zur erzbischöflichen Kanzel daran etwas zu ändern vermochte. Daher kam es, wie es nach dem letzten Massaker der Schuldigen an der Wahrheit kommen musste: Die Versteigerung des "Massaker der Unschuldigen" sorgte nicht nur für weltweites Aufsehen, sondern auch für Verwirrung - wo, würden Sie niemals erraten - im belgischen Königshaus . Dort kann sie unmöglich größer gewesen sein als im Oberhaupt der "Krone"-Redaktion, ließ die Berichterstattung über die Rubens-Oma seit der Enthüllung vom Freitag - Ihr gehört das teuerste Bild der Welt . Das erste Interview - doch erkennen, dass der gern als Klimt-Opa posierende Herausgeber den Überblick einigermaßen verloren hatte. War dem subtilen Kenner der Kunstwelt die Sensation am Freitag noch ein doppelseitiges Exklusiv-Interview samt Titelbild der Oma wert, hieß es bereits am Montag: Wem das Gemälde tatsächlich gehört, ist unerheblich . Die Berichterstattung an den Tagen dazwischen changierte zwischen trotzigem Beharren auf offensichtlichem Unfug und Eingeständnis des Versagens - anderer. Es war, als hätte er bei der FPÖ Nachhilfe genommen. Bereits am Samstag hatte die gefälschte Rubens-Oma - unter anderem - in den "Oberösterreichischen Nachrichten" erklärt: "Wahnsinn, ich hab das Bild nie gesehen" und haarklein ihr Treffen mit dem "Krone"-Reporter geschildert, allerdings etwas anders als dieser einen Tag zuvor. "Guten Tag. Sind Sie die Rubens-Besitzerin?" , erzählte der Dichand-Bote von seinem Auftritt, und ganz Weltmann: In der Hand halten wir eine Topfpflanze. "Ja, das bin ich. Ist die schöne Blume für mich? Vielen Dank", lacht die 89-Jährige herzlich . In den "OÖN" hingegen beschrieb dieselbe Frau den Vorgang etwas anders. Der Fotograf ist im Zimmer herumgerannt, im Wohnzimmer, und hat einfach aufgenommen. Das gefällt ihm, hat er gesagt." Die Innviertlerin, berichtete das Blatt, ist "regelrecht von den Socken." Denn sie habe nichts mit diesem Rubens zu tun gehabt, von dem sie laut "Krone" doch zu berichten wusste: Der Rubens hat meinem Mann Rudolf gehört. Und nach seinem Tod dann mir." Am selben Tag versuchte die "Krone" diese kognitive Dissonanz hinter dem Titel Verwirrender Kunst-Krimi um die Rubens-Oma (89) zu verschleiern und hinterfragte scheinheilig ihre Wahrheit vom Vortag: Wem gehörte das 77-Millionen-Euro-Gemälde wirklich? Allmählich wurde es Zeit, sich nach Schuldigen umzusehen. Der goldene (!) Tipp kam aus der Wiener Kunstszene - von einem Experten höchster Reputation. Und Klimt-Opa Cato rückte persönlich aus, um einerseits zu gestehen - Anna K. hielt sich für die Erbin des teuren Kunstwerkes. Das behauptete sie jedenfalls unseren Reportern gegenüber -, andererseits zu beharren: Um diesen Rubens wird sie sicher kämpfen müssen , was nur dann stimmte, wenn sie die Erbin wäre. Am Sonntag wurde dann auch der Spender des goldenen Tipps enthüllt, der indes die Verantwortung an einen Gewerbetreibenden aus Mauerkirchen weiterreichte, der ihm als potentiellen Kunden diesen Rubens empfehlen wollte. Und dann erfolgt auf einmal der - von der "Krone" bis dahin nicht gebrachte - Widerruf von eben jener Anna Krausmann: "Wie kommen die auf mich ...? Die Topfpflanze des "Krone"-Reporters hatte offenbar keinen bleibenden Eindruck hinterlassen. Und der goldene Tipper konnte sich das alles nur so erklären: "In dieser Branche ist vieles möglich." In dieser Branche auch. Denn am Sonntag gab sich der Klimt-Opa wieder voll reanimiert und schrieb kämpferisch: Klar, dass unsere Konkurrenten, die es nicht wahrhaben wollen, dass die "Krone" jene Familie entdeckt hat, in deren Eigentum das Bild stand, uns angreifen. "Rubens-Oma ist die Falsche", wobei vorerst offen bleiben muss, dass es noch eine andere Familie gibt, die Eigentums- oder Erbrechte anmeldet . Rubens' Oma würde sich im Grabe umdrehen, müsste sie lesen, was Cato unwahrheitsgemäß verzapfte: Als sie nach unseren "Krone"-Reportern dann von Zeitungen, Radio und Fernsehen pausenlos bedrängt wurde, schlug sie einfach die Tür zu beziehungsweise legte einfach auf. So sehr war sie von den Socken. Aber zurück zum Kardinal und zu seinem Wort von den schlechten Gewohnheiten, die auszurotten er rät, ehe sie starke Wurzeln schlagen. Ein goldener Tipp! Hätte die Kirche die Lüge vom "Massaker der Unschuldigen" ausgerottet, ehe sie Wurzeln schlagen konnte, die bis in die Malerei reichen, wäre es vielleicht nie zu diesem "Krone"-Massaker an der Wahrheit gekommen. (DER STANDARD; Printausgabe, 23.7.2002)