Für den Kunstvermittler ist immer auch die Hinterbühne des künstlerischen Schaffens von Bedeutung. Er behandelt die Kunst als Feld seines Forschens, Entdeckens und Wissens und nutzt dieses romantische Stereotyp, in das wir eintauchen sollen, damit wir das Charisma unserer Kultur auch begreifen können. Aber die Kunst selbst ist bereits ein Forschungsfeld, in dem Künstlerinnen und Künstler Wissen vermitteln. Es zeigt unsere "Welt des Forschens, Entdeckens und Wissens" aus Blickwinkeln, die unsere Wahrnehmungsgewohnheiten unterlaufen, weil diese und ihre Kontexte bereits mit thematisiert sind.Vera Mantero In diesem Sinn ist die portugiesische Choreografin und Tänzerin Vera Mantero eine stets Wissbegierige auf den Kommunikationsfeldern unseres kulturellen Wissens. Sie untersucht faktisches, künstlerisches und menschliches Wissen, das sie in ihren Arbeiten in ganz besonderer ästhetischer Formulierung reflektiert. Ihre solistischen Stücke wie Perhaps she can dance first and think afterwards, Olímpia und one mysterious Thing, said e. e. cummings verdeutlichen dies: Mantero zitiert darin Motive von Samuel Beckett, Édouard Manet, Jean Dubuffet und von dem amerikanischen Dichter E. E. Cummings. Ein weiblicher Lucky, eine schwankende Olympia und eine Joséphine Baker in Ziegenhufstiefeln erweitern und schärfen unsere Blicke auf den Körper in seiner tänzerischen Performance. Benoît Lachambre und Andrew de L. Harwood Benoît Lachambre und Andrew de L. Harwood zählen zu den wichtigsten Tanzschaffenden in Kanada. Sie thematisieren in ihrem Improvisationsprojekt Not to know die Unvorhersehbarkeit des Augenblicks, der stets schrille oder flüsterleise Überraschungen bereit hält. Tanzimprovisationen sind, seit sie sich neben strikt vorgeplanten Stücken als eigenständige Performancekunst etabliert haben, oft Forschungen über das Unwägbare, das Unstrukturierte, die selbstgenerierende Choreografie des Lebens. Lynda Gaudreau Ebenfalls aus Kanada stammt Lynda Gaudreau, die seit Jahren die intellektuelle Atmosphäre im Tanz auslotet, das Wissen dieser Kunstform systematisch in ein enzyklopädisches Projekt einfließen läßt, dessen bis dato vorletzter Teil nun bei ImPulsTanz zu sehen ist: document 2. In einer früheren Arbeit, Still Life N° 1, seziert Gaudreau den menschlichen Körper mit künstlerischen Mitteln. Ihr Ausgangspunkt ist die Anatomie, ihr Forschungsziel der menschliche Körper in all seinen Kontexten. In document 2 sind choreografische Details von Vincent Dunoyer und Thomas Hauert, Videoausschnitte von Thierry de Mey und Gaudreau sowie ein Interview von Johannes Odenthal in ein musikalisches System aus Schönberg, Bach und Cage eingepasst. (Helmut Ploebst, DER STANDARD, Printausgabe vom 23. Juli 2002)