Standard: Herr Obermaier, Sie arbeiten in Ihren Bühnenwerken in erster Linie mit Videoprojektionen. Warum? Obermaie r: Ich war immer sehr unzufrieden, sobald auf der Bühne versucht wurde, Videokunst und Tanz zu kombinieren. Beide Formen existierten ja meist nebeneinander und stehen sich eher im Wege als eine neue geschlossene Form einzugehen. Der Choreograf und Tänzer Chris Haring und ich beabsichtigten dagegen eine Synthese der Künste. Wir haben mit unserer ersten Produktion D.A.V.E versucht, den Tänzer mit seinem eigenen Videobild zu konfrontieren und waren sofort überrascht, wie gut das funktioniert. STANDARD : Ihre Arbeit könnte man mit dem Etikett "Crossover" versehen. Letztens ist dieser Begriff ja sehr in Verruf geraten. Obermaier : Zu Recht. Meistens sind solcherlei Projekte ja einfach nur peinlich. Man stellt einen Fernsehapparat auf die Bühne, und das war's! Wir arbeiten dagegen auch im Video mit dem Körper des Tänzers. Unterm Strich kommt man ja darauf, dass heute der menschliche Körper die eigentliche Sensation ist, die Tatsache, was im Körper stattfindet, wie man ihn verändern, manipulieren kann. STANDARD : Immer wieder will man im Tanz dem Körper seine "Ursprünglichkeit" wiedergeben. In Ihrer Arbeit artikuliert sich dagegen ein Misstrauen gegenüber solch essentiellen Versuchen. Obermaier : Ja, mich interessiert der Punkt, an dem zwischen Realität und Fiktion nicht mehr unterschieden werden kann. Was wäre, wenn der Körper aus Projektionen bestünde? Wenn der virtuelle Körper ein Teil des realen ist? STANDARD : Zu welchen Ergebnissen kommen Sie in "Vivisector"? Obermaier : Im Unterschied zu D.A.V.E. ist das neue Stück nicht narrativ angelegt. Wir denken diesmal in Situationen und Bildern. Wir hatten zwei Ausgangspunkte: Wir wollten zum einen ein Stück für mehrere Tänzer machen, zum anderen das Bewegungsrepertoire von Tänzern auf der Bühne untersuchen. Man könnte auch sagen, dass wir Zeit und Bewegungen auf der Bühne neu zusammenstellen. STANDARD : Wie kann das funktionieren? Obermaier : Wir versuchen, virtuelle Bewegungs- und Zeitabläufe, wie sie in Videospielen oder in Filmen eine Selbstverständlichkeit sind, auf die Bühne zu bringen. Um nur so viel zu sagen: Dabei hilft uns diesmal der Videoprojektor als Lichtquelle. STANDARD : Was hat es mit dem Titel "Vivisector" auf sich? Obermaier : "Vivisection" benennt im Englischen den Eingriff in den lebendigen Körper. Die Ableitung "Vivisector" ist zudem der Titel eines Romans des australischen Literaturnobelpreisträgers Patrick White, eines Romans, in dem ein Maler einen Körper seziert. STANDARD : Man könnte bei Ihrer Arbeit auch von einer Entgrenzung des Körpers sprechen. Obermaier : Natürlich. Technisch arbeiten wir zwar mit Projektionen, inhaltlich geht unsere Arbeit aber viel weiter. Weil sie Fragen anreißt, die zu den derzeit meistdiskutierten gehören: Welche Möglichkeiten eröffnen uns die neuesten Bio- und Gentechnologien? Wie gehen wir dabei mit unserer Verantwortung um? STANDARD : Ihre Haltung zu den neuen Technologien ist allerdings eher neutral. Es scheint höchstens eine gewisse Faszination für die Technik durch. Obermaier : Wir wollten auf keinen Fall mit dem Zeigefinger arbeiten. Obwohl ein Künstler durchaus Stellung beziehen sollte. Bei diesem heiklen Thema wollten wir die Zuschauer mit Möglichkeiten, wie der Körper veränderbar ist, konfrontieren. STANDARD : Es scheint fast, als würden Sie von Baudrillard bis Derrida eine ganze Reihe neuerer Theorien in Ihre Arbeit verpacken. Obermaier : Nein, das interessiert uns gar nicht. Wir haben einfach das Glück, dass unsere Arbeiten für vielerlei Diskussionen ansprechend sind. Ihre physische Attraktion kann allerdings nicht durch ein paar Schlagworte ersetzt werden. STANDARD : Das klingt wie ein Seitenhieb auf die Riege von sehr theoretisch arbeitenden, vor allem französischen Choreografen. Obermaier : Der Körper wird bei diesen Leuten derart abstrahiert, bis von ihm nichts mehr übrig bleibt. Ich kann mich über diese vielen theorielastigen, faden Stücke nur mehr wundern. (DER STANDARD, Printausgabe vom 23. Juli 2002)