In der EU, den USA, in Japan und den meisten anderen hoch entwickelten Wirtschaftsnationen macht der Dienstleistungssektor bereits zwei Drittel des jeweiligen Bruttosozialproduktes aus, die produzierende Industrie ist im Rückzug. Die EU-Staaten kommen auf einen Weltmarktanteil von 26 Prozent, die USA auf 19 Prozent. Dementsprechend begierig sind Dienstleistungskonzerne in Europa und Übersee - ob im Energiebereich, in der Telekommunikation oder im Finanzsektor -, lieber gestern als heute Zugang zu neuen Märkten zu erhalten.Die neue Welthandelsrunde, innerhalb der das umstrittene Dienstleistungsabkommen GATS (General Agreement on Trade in Services) verhandelt wird, soll zu einer Entwicklungsrunde werden. Armutsbekämpfung über den Zustrom ausländischer Investitionen steht offiziell im Vordergrund. Wer die Liberalisierungswünsche der EU und der USA studiert, wird skeptisch. Vom Zugang zu Grund und Boden samt Öl- und Wasserquellen über den Wegfall von Beschränkungen ausländischen Firmenbesitzes bis zu Kapitalverkehrskontrollen reicht die Palette. Als besonders lukrativ gelten öffentliche Dienstleistungen wie Bildung, Gesundheit und Wasserversorgung. Österreich beharrt zu Recht darauf, dass seine Wasserversorgung in nationalem Eigentum bleiben muss. Arg wird die Augenauswischerei, wenn auf EU-Ebene Staaten wie die Schweiz oder Indien aufgefordert werden, ihre Wasserversorgung dem Wettbewerb zu öffnen, und Österreich keine Einwände erhebt. Die Schweiz wird die Begehrlichkeiten von Suez Lyonnaise und Co relativ leicht abblocken können - unter welchen Druck Indien gerät, wollen sich Globalisierungskritiker gar nicht ausmalen. Behalten sie Recht, wurde mit dem GATS keine Entwicklungs-, sondern eine Kolonialisierungsrunde eingeläutet. (DER STANDARD, Printausgabe 23.7.2002)